Wie ein polnischer Fußballnerd den israelischen Fußball revolutioniert

»Der Fußball war zuerst da«

Mit »Israel« verbinden die meisten Deutschen nicht den Profifußball, sondern den Palästina-Israel-Konflikt, die Westbank, die Hamas und Selbstmordanschläge in Jerusalem. Befindet sich Israel in einem Krieg? Stellt man dem Hapoel-Trainer Barak Bakhar diese Frage, antwortet er entschieden mit »Nein.« Fragt man einen Palästinenser, der in einem arabischen Ghetto unweit der Hauptstadt Tel Aviv lebt, so antwortet dieser ebenso entschieden mit »Ja.« Und zwar nicht nur, weil Palästinenser in Palästina und dem Gaza-Streifen beschossen würden, sondern vor allem, weil man die Araber in Israel diskriminiere.

Unabhängig davon, ob man nun von einem Krieg spricht oder nicht, wie geht man damit um, wenn man als Europäer in ein Land wie Israel kommt, wo dieser schwelende Streit zwischen jüdischen Israelis und muslimischen Palästinensern herrscht? In dem es oberflächlich um Landbesitz und tatsächlich um Religion, also Weltanschauung, Lebenskonzept, also Charakter geht.

»Der Fußball war zuerst da«

Spricht man Lukasz Bortnik auf den Konflikt an, sagt er, Israel unternähme einige Anstrengungen, um ein sicherer Staat zu sein. Ihm sind die Herren in den parkenden PKWs nicht aufgefallen, die stur geradeaus durch die Frontscheibe blicken, wenn man an ihnen vorübergeht. Und wenn man ihm davon erzählt, dass ein »Tourismusmanager« einem am Flughafen ein Smartphone andrehen wollte, das alle in Israel zurückgelegten Wege aufzeichnet, dann kommentiert er das nicht. Fakt ist, dass der Inneren Sicherheit des Landes in Israel alles untergeordnet wird. So gibt es zum Beispiel in allen Schulen in Beer Sheva und sogar in manchen Kindergärten einen Security-Service.

Nein, schwierige Themen vertieft Lukasz Bortnik bei Hapoel nicht, und das, obwohl er eigentlich religiös ist. An den Wänden seines Schlafzimmers hängen zwei Dinge: Ein Porträt seiner Lieblingsnichte, wie sie - die Arme hinter dem Kopf verschränkt - in die Kamera lächelt, und: das Heilige Kreuz. Zusammen mit seiner mexikanischen Frau besucht er samstags einen katholischen Gottesdienst, der in einem kleinen Schulraum abgehalten wird. Mit ihnen zusammen beten zwanzig Philippinen. Katholiken gibt es in Beer Sheva kaum.

Lukasz könnte sich also auch diskriminiert fühlen in Israel, aber er ist nur ein Gast auf Zeit, daher ist es für ihn ein Leichtes sich aus der Diskussion über Palästina herauszuhalten. An erster Stelle steht der Fußball, das ist übrigens auch bei allen anderen bei Hapoel so. Fragt man zum Beispiel den strenggläubigen, jüdischen Spieler Shir Tzedek, wieso er samstags aufläuft, wo dies doch ein Feiertag ist für strenggläubige Juden, sagt er: »Der Fußball war zuerst da«.

Gleichberechtigung durch Datenauswertungen

Zwei Tage später, Samstag, 17:00 Uhr. Lukasz und sein Assistent kommen ins Stadion von Ashdod, denn gegen Ir Ashdod spielt Hapoel an diesem 4. März 2017. In der Kabine von Hapoel hängen bereits die Trikots der Spieler. Lukasz beginnt die GPS-Geräte auszuteilen. In Israel tracken sie auch die Ligaspiele, das ist in Deutschland verboten.

Lukasz ist überzeugt davon, dass der GPS-Brustgurt mehr Gleichberechtigung im Profisport bringt, weil sich die Fitness dadurch weltweit angleicht. Denn was die körperliche Leistungsfähigkeit anging, waren die großen europäischen Teams Outsidern immer überlegen. Dank der GPS-Technologie holen kleine Teams, wie Hapoel, in Riesenschritten auf. Das 3:2 gegen Inter Mailand in der 90. Minute am 24. November des vergangenen Jahres, das konzentrierte 1:1 auswärts in Southampton ein paar Wochen später, die letzten zwanzig Minuten gegen Celtic, in denen Hapoel körperlich überlegen war und beinahe das 3:0 geschossen hätte, das alles ist das Ergebnis großer Datenmengen, die Lukasz ausgelesen und interpretiert hat.