Wie ein polnischer Fußballnerd den israelischen Fußball revolutioniert

Die Technik beherrscht die Spieler

10:00 Uhr, Trainingsbeginn. Lukasz Anweisungen auf Englisch werden weithin über den Platz getragen. Seine Körperhaltung ist jetzt pures Selbstvertrauen: Das Gewicht auf beide Beine gleichmäßig verteilt, die Ärmel hoch gekrempelt, die Stirn konzentriert in Falten gelegt. Der Trainer Barak Bakhar schlendert währenddessen gedankenverloren über den Rasen, spricht kaum, trillert nur hin und wieder in seine Pfeife, um das Signal für die nächste Trainingseinheit zu geben. Es könnte ein normales Training sein, so wie auf Millionen anderen Low-Budget-Fußballplätzen der Welt. Aber jede Trainingseinheit ist, aufgrund der Daten, abgestimmt und festgelegt. Und nach dem Training wird sich Lukasz an den Laptop setzen und nachsehen, wie viel Meter jeder einzelne Spieler gelaufen ist, ob am Sonntag etwa ein Extratraining mit einzelnen Spielern angesetzt werden muss.

An diesem Trainingsdonnerstag gibt es einen besonderen Programmpunkt: Es findet ein Freundschaftsspiel statt: »Staff vs. Former Players«, also: »Trainerstab gegen ehemalige Profis«. Das ganze wäre keine Erwähnung wert gewesen, wenn nicht die Präsidentin des Vereins, Alona Barkat, zugesehen hätte. Sie ist eine der zentralen Figuren des jüngsten Vereinserfolgs. Als Hapoel Beer Sheva im letzten Jahr die Meisterschaft gewann, bezeichnete sie die Bildzeitung als »die Angela Merkel des Fußballs.« Fragt man sie, was sie darüber denkt, lächelt sie und sagt: »Als ich das las, musste ich breit grinsen. Frau Merkel steht natürlich viele Stufen höher als ich.« Aber so abwegig ist der Vergleich gar nicht. Angela Merkel ist eine sehr erfolgreiche Politikerin, Alona Barkat eine ebenso erfolgreiche Klubchefin.

Der GPS-Goldgräber

Als sie die Mannschaft im Jahr 2007 kaufte, kickte Hapoel noch in der zweiten Liga, Nachwuchsarbeit war fast nicht vorhanden. Alona Barkat, dessen Schwager Nir der Bürgermeister von Jerusalem ist, steckte Millionen in den Verein und holte einige wichtige Spieler, die für den Erfolg entscheidend waren. Fast bei jedem Abendessen wird mit den drei Söhnen und dem Ehemann über Hapoel gesprochen, sagt sie. Es war Alona Barkat, die vor zwei Jahren dafür stimmte den noch jungen, 37-jährigen Trainer Barak Bakhar zu holen. Sie verpflichtete ihn nicht wegen seines beruflichen Erfolgs. Er hatte wenig Erfahrung, trainierte nur in der israelischen Liga. Sie machte ihm ein Angebot, weil sie einen genialen Taktiker und Kommunikator in ihm sah.

Ähnliches galt für Lukasz Bortnik. Er hat zwar einen amerikanischen Master in Physical Science und Mannschaften in den USA, Mexiko und Belchatow, Polen trainiert, aber in der Premier League, der Primera División oder der Bundesliga hat er trotz seines großen Fachwissens noch nicht gearbeitet. Auf einer Werbeveranstaltung von GPSports begegnete er Alona Barkat. Dort überzeugte Lukasz die Hapoel-Chefin nicht nur von der GPSport-Technologie, sondern auch von sich als deren Analytiker. Und weil Alona Barkat zusammen mit ihrem Mann, einem IT-Investor, einige Jahre im Silicon Valley gelebt hat und weiß, dass Daten nur dann Gold wert sind, wenn es einen Goldgräber gibt, bemühte sie sich darum, die GPS-Software und diesen polnischen Performance-Coach im Paket zu erwerben.

Die Technik beherrscht die Spieler

Man könnte sich Datenanalysten als dünne, bebrillte Computer-Nerds vorstellen, die den ganzen Tag vor dem Rechner verbringen und sich nur von Cola und Fertigpizza ernähren. Sie wären dann so ziemlich das Gegenteil des durchtrainierten Lukasz Bortnik, der selbst jahrelang gekickt hat, aber nie den Durchbruch als Profifußballer schaffte. Und obwohl er nicht so aussieht, besitzt er dennoch eine Charaktereigenschaft des Computer-Nerds, die er bei dem Freundschaftsspiel »Staff vs. Former Players« offenbart. Lukasz geht nämlich nicht ganz nach vorne in den Sturm, um als Torschütze zu triumphieren oder eben zu scheitern. Das ist die Aufgabe des Trainers Barak Bakhar, der es gewohnt ist zu improvisieren, der sich dort vorne laut ärgert und plötzlich jener Hahn auf dem Platz ist, der er vor einer halben Stunde während der Trainingseinheiten noch nicht im entferntesten war.

Lukasz ordnet sich in die zentrale Defensive ein. Er spielt kurze Pässe, versucht das Spiel von hinten heraus zu strukturieren. Vorhin beim Training hat er laut Anweisungen gegeben, jetzt meldet er sich kaum zu Wort und beschwert sich nicht, als ein Mannschaftskamerad ihm den Ball vor dem Tor nicht zuspielt. Lukasz Bortnik scheitert an der improvisierten Machart des Spiels, weil er plötzlich Teil von etwas ist, das er nicht kontrollieren kann. Nur als Datenmanager hat er immer den Überblick: Überraschungen erwarten ihn dort nicht, er beherrscht die Technik und die Technik beherrscht die Spieler.

Auch das Verhalten der Präsidentin Alona Barkat bei diesem informellen Freundschaftsspiel könnte einem seltsam erscheinen. Die gesamten 45 Minuten steht sie am Spielfeldrand, zeichnet mit ihrem iPhone Spielszenen auf und jubelt wie ein junger Groupie. Man stelle sich vor Dietmar Hopp oder Clemens Tönnes würden ein Trainingsspiel derart begeistert begleiten. Sympathisch wäre das und: undenkbar.