Wie ein polnischer Fußballnerd den israelischen Fußball revolutioniert

Der Herr der Daten

Heute feiert Hapoel Beer Shevar zum zweiten Mal in Folge die israelische Meisterschaft - weil die Mannschaft so fit ist wie keine andere. Der Grund dafür heißt Lukasz Bortnik. Und macht einen Trainerjob, den es in Deutschland noch nicht mal gibt.

Michael Gallner

Er startet den Motor, denkt an das Match, da schlägt sein Herz schneller. Sie müssen gewinnen! Drei Pünktchen haben sie Vorsprung vor Maccabi Tel Aviv. Noch zwölf Spiele sind es bis zur Meisterschaft. Bei der Ausfahrt aus der Tiefgarage blendet ihn die Sonne. Er liebt das: Blauer Himmel, Sonnenschein, 20 Grad im Februar. Zwei junge Israelinnen in tarngrüner Uniform patrouillieren vor dem Gebäude. Ihre Maschinengewehre hängen ihnen locker um die Hüften. Sexy. Er mag Frauen in Uniform.

Auf den Straßen ist viel los. Es ist Donnerstag, ein normaler Arbeitstag in Israel. Er hatte sich das nicht so vorgestellt. Er hatte gedacht, alles ist viel chaotischer, mehr Menschen, mehr Schmutz, mehr Anfeindungen. Aber man ist freundlich zueinander, man ist freundlich zu ihm.

Siege gegen Inter, Celtic und Olympiakos

Er, das ist Lukasz Bortnik, 39 Jahre alt, polnischer Staatsbürger. Kein Jude, sondern Katholik. Er hat einen Job, den es in der Bundesliga noch gar nicht gibt, wohl aber in der englischen Premier League. Er ist ein professioneller Datenauswerter, ein »Performance Coach«. Wenn Investment-Broker die Daten der Börse interpretieren, dann beschäftigen sich »Performance Coaches« in Vollzeit mit den Fitness-Werten von Profi-Kickern. Lukasz Bortnik arbeitet für Hapoel Beer Sheva und er macht seinen Job gut. Seit das Fitness-Tracking eingesetzt wird, ist dieser kleine Provinzclub nahe der Wüste Negev unglaublich erfolgreich. Auf internationaler Ebene gewann man gegen Inter Mailand, Celtic Glasgow, Olympiakos Piräus, also gegen Vereine, die ein Vielfaches an Spielerbudgets zur Verfügung haben. Und auch in der israelischen Liga ist man erfolgreich. Nach vierzig langen Jahren wurde im letzten Jahr endlich wieder die Meisterschaft gewonnen. Und das, obwohl der Kader des größten Liga-Konkurrenten Maccabi Tel Aviv doppelt so teuer ist. Auch Maccabi benutzt ein GPS-Tracking-System, aber: Einen Performance Coach gibt es hier nicht.

Ankunft im Vereinsheim. Auf dem Parkplatz parken nur Mittelklasseautos neueren Jahrgangs. Die Spieler bei Hapoel verdienen durchschnittlich zwischen 20.000 und 30.000 Euro im Monat. Sie könnten sich Porsche oder Mercedes leisten, aber sie scheinen das Auto nicht als eine erweiterte Ausformung des Egos zu betrachten, wie es bei den Profikickern der Bundesliga üblich ist.

Als Lukasz das Vereinsheim betritt, ist die Tür nicht abgeschlossen. Es gibt keine Rezeption. Keinen Sicherheitsservice. Jeder kann hereinspazieren, so wie bei einem polnischen Dorfverein. Die anderen Trainer und Spieler begrüßen ihn mit Handschlag und freundlichen Frotzeleien. Ein Grund, warum Lukasz sich für Hapoel als Arbeitgeber entschieden hat, ist dieses Gefühl: im Vereinsheim zu Hause zu sein. Er fühlt sich gebraucht und respektiert. Er weiß natürlich, woran das liegt.

Zlatan machte den »Männer-BH« berühmt

Er legt seine Sachen im Büro ab und geht nach draußen in die Sonne. Sein Assistent Micha ist schon hier, gemeinsam beginnen sie aufzubauen. Spannen hüfthohe Netze, über die Fußballtennis gespielt wird, stecken bunte Plastikstäbe in den Rasen, die für den Slalom mit dem Ball am Fuß gebraucht werden, positionieren einen Torwart aus Leichtmetall, den es bei dem Schuss aufs Tor zu überwinden gilt. Vor zwei Jahren stellte Lukasz den Verantwortlichen von Hapoel Beer Sheva die GPS-Technologie des australischen Herstellers GPSport vor, die auch vom FC Chelsea, Valencia und dem FC Bayern benutzt wird.

Jetzt trägt jeder Spieler beim Training ein GPS-Sensor, der mithilfe eines Brustgurts am Rücken getragen wird. Große, mediale Aufmerksamkeit erhielt dieser Brustgurt, als Zlatan Ibrahimovic nach einem Freundschaftsspiel gegen Real Madrid mit freiem Oberkörper über das Spielfeld stolzierte und nur diesen »Männer-BH« mit dem GPSports-Schriftzug trug. Das war im Jahr 2013. Inzwischen benutzen alle Klubs der ersten und zweiten Bundesliga GPS-Tracking-Systeme.

Der Chip misst jeden gelaufenen Meter, jeden absolvierten Sprint, jeden einzelnen Herzschlag. Sogar die G-Kräfte, die auf den Körper des Athleten einwirken, werden aufgezeichnet. Dank der Daten kann Lukasz jedem Spieler zu seiner bestmöglichen Form verhelfen. Ihm fällt es auf, wenn jemand verletzungsanfällig ist und geschont werden sollte. Aber er sieht auch, wenn sich ein Spieler ausruht und andere laufen lässt oder sich die Sprints in einer zweiten Halbzeit, aus welchen Gründen auch immer, an einer Hand abzählen lassen. Er ist ein echter Big Brother des Profifußballs. Während die Datensammelwut bei Google Glas und anderen Applikationen des Silocon Valley an der gesellschaftlichen Kritik gescheitert sind, hat sich das GPS-Tracking im Profifussball durchgesetzt. Hier geht es nicht um das moralische Abwägen des Für- und Wider einer erhöhten Datennutzung, hier geht es ums Gewinnen. Und Teams mit GPS-Tracking sind erfolgreicher, deshalb wird die Technologie eingesetzt.