Wie ein Marseille-Fan das Tor seines Lebens schoss

Nothing Toulouse

Eigentlich sollte Kamal Zaroual nur den Anstoß in Marseille ausführen. Womit nur niemand rechnete: der Mann nahm sich den Ball und lief einfach mal los.

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Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein, lautet eine Losung, die mit dem Eröffnungswurf eines Baseballspiels nur schwer vereinbar ist. Schließlich besteht der Baseball aus Leder und Kork. Und die US-Präsidenten, die den traditionellen ersten Wurf am ersten Spieltag nehmen, haben meist ja auch einiges auf dem Kerbholz. Was aber nicht weiter irritieren soll, denn den ersten Pitch eines Spiels einer Person zuzusprechen, die gar nicht zu den teilnehmenden Mannschaften gehört, ist nunmal Usus im US-Sport Baseball.

»Ich bin ein Hustler«

Und ebenfalls nicht überraschend ist es, dass die berühmten Persönlichkeiten vorab Trainingsstunden nehmen, um diesen einen Wurf, diese einzige sportliche Note in ihrem Curriculum Vitae ja nicht zu verbocken. US-Präsident George W. Bush hatte kurz nach dem 11. September den First Pitch geworfen und soll dabei unter beachtlichem Herzrasen gelitten haben. Galt der Wurf doch symbolisch für die Stärke eines ganzen Landes. Und im Internet sind zahlreiche Videos von beschämend schlechten Würfen zu bestaunen. Ein Szene zeigt zum Beispiel den Rapper 50Cent, der den Ball nicht zum Schlagmann brachte, sondern nahezu den Kameramann abschoss. Der nur etwa zehn Meter weiter rechts nichtsahnend filmte. Die einleuchtende Erklärung: »Ich bin ein Hustler, kein verdammter Ballsportler.«

Seinen Hustle durchgezogen hatte Kamel Zaroual schon vor einigen Wochen, als er im Rahmen einer Spendenaktion für benachteiligte Kinder etwa 1.900 Kilometer mit dem Rad gefahren war und für jeden Meter einen kleinen Obolus bei seinen Sponsoren einsammelte. Gestartet in seiner Heimatstadt Arles war Zaroual bis in den französischen Norden, nach Amiens gefahren, wo Olympique Marseille ein Auswärtsspiel bestritt. Übernachtet hatte er bei Marseille-Fans. Von dem gesammelten Geld wollte der Marseille-Fan Zaroual weitere Tickets für die Kinder kaufen.

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Für Olympique Marseille war das Engagement genug, um sich erkenntlich zu zeigen. Oder, um hier bildlich die Kurve zu bekommen, Zaroual hatte einfach genügend Schuld abgeladen, um den den ersten Stein zu werfen. Kurzum: Er sollte am Wochenende unter dem Applaus der Zuschauer den Anstoß in Marseille vor dem Meisterschaftsspiel gegen Toulouse ausführen.

Und nein, der Fan mit Hang zur Nächstenliebe, begnügte sich nicht damit, den Ball abzuspielen und das Feld anschließend schleunigst zu verlassen. Er täuschte nach Anpfiff eine Bewegung an, sprintete samt Ball Richtung gegnerisches Tor und an völlig verdatterten Gegenspielern vorbei, verlud Toulouse-Keeper Alban Lafont und ließ sich zu guter Letzt unter Tränen von der Kurve feiern.

Wasser und Obst

Und auch, wenn der Treffer offiziell nicht gewertet wurde, hatte sich Die-hard-Fan Kamal Zaroual wohl einen Lebenstraum erfüllt. Und nebenbei viel Aufmerksamkeit für den guten Zweck gewonnen. Sein Erfolgsgeheimnis während der 1.900 Kilometer? »Ich nehme keine Drogen, habe einfach viel Wasser getrunken und Obst gegessen.« - Vielleicht eine Prämisse, die auch 50Cent vor dem nächsten Pitch verfolgen könnte.