Wie ein Mann aus Pforzheim der beste Spieler Argentiniens wurde

Das 42-Zentimeter-Geschoss

Einer der besten Fußballer Argentiniens war ein Uhrenmacher aus Pforzheim. In Deutschland kennt ihn niemand. Schade eigentlich.

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Pforzheim ist nicht gerade der Nabel der Fußballwelt. Sicher, der lokale Fußballklub spielte in den sechziger Jahren mal zweitklassig und Markus Gisdol oder Jürgen Klopp schnürten hier einst ihre Fußballschuhe. Aber sonst? 2010, im Jahr, als sich der 1. FC Pforzheim auflöste, war er in die Verbandsliga Nordbaden abgerutscht. Heute gibt es immerhin einen Nachfolgeverein, er nennt sich 1. Club für Rasenspiele Pforzheim, Spielklasse: Oberliga Baden-Württemberg.
 
Wenn man allerdings eine Reise ins frühe 20. Jahrhundert unternimmt, erscheint Pforzheim, diese 100.000-Einwohner-Stadt am Nordrand des Schwarzwalds, plötzlich wie eine vergessene schillernde Fußballmetropole. Ein Ort, an dem vergessene Fußballsagen ihren Anfang nahmen.
 
Da ist einmal die Geschichte des Pforzheimers Emil Walter, der in den zwanziger Jahren auszog, um als Emilio Walter mit dem FC Barcelona die Meisterschaft und dreimal die Copa del Rey zu gewinnen. Bis Anfang der dreißiger Jahre machte er 242 Spiele für die Katalanen – am Ende lief er sogar als Kapitän auf. In Barcelonas Vereinschroniken ist heute noch zu lesen: »Wenn Emilio abzog, erzitterte die Luft.«
 
Auch der 1. FC Pforzheim machte vor über 100 Jahren noch eine ganz passable Figur. 1905 gewann das Team die Süddeutsche Meisterschaft, ein Jahr später erreichte es das Finale um die Deutsche Meisterschaft. Erst in den Schlussminuten konnte sich der VfB Leipzig mit 2:1 durchsetzen.
 
Vielleicht war dieser 27. Mai 1906 der Anfang vom Ende des 1. FC Pforzheim. Das Team sollte jedenfalls nie wieder so gut spielen. Und trotzdem: Der 27. Mai 1906 war auch der Beginn von etwas ganz Großem.
 
Kapitän des 1. FC Pforzheim ist damals Arthur Hiller. Ein Mann mit Schneid, so kann man in alten Quellen erfahren. Einer der alten Schule, der vorweggeht, als Kapitän und väterlicher Freund der jungen Spieler.

»Man beschimpfte sie als Lumpenpack«
 
Einer von ihnen ist sein Neffe, Marius Hiller, genannt »Bubi«. Er ist Fußballfan und verliebt sich endgültig in den Sport, als er 1906 den Triumphzug seines elf Jahre älteren Onkels miterlebt und wie sein Onkel 1908 erstmals als Kapitän der deutschen Nationalmannschaft aufläuft. Er will auch Nationalspieler werden, und wie es damals so üblich ist, macht er alles dafür. Vor allem übt er sich in Demut.
 
Ein Cousin von Marius Hiller erzählt dem SID über ein Jahrhundert später: »Er trug ihnen Sporttaschen, putzte ihnen die Schuhe und half, die Torstangen mit auf den Platz zu tragen.« Dabei ist der Fußball verpönt: »Man beschimpfte sie als Lumpenpack und bewarf sie mit Eiern.« Marius Hiller hält das nicht ab, er trainiert wie ein Besessener. Er macht alles zu seiner rechten Außenbahn, den Weg zur Schule, den Weg zum Bäcker, er rennt und rennt und rennt.
 
Der Fleiß zahlt sich bald aus. Am 3. April 1910 macht Marius Hiller beim 3:2-Sieg gegen die Schweiz sein erstes Länderspiel und schießt sogar ein Tor. Er ist damit bis heute der zweitjüngste DFB-Debütant und der jüngste DFB-Torschütze aller Zeiten.
 
In alten Berichten kann man lesen, dass Hiller ein flinker Dribbler gewesen sei, »trickreich, leichtfüßig und trotz seines schmächtigen Körperbaus extrem schussstark«. So steht es etwa in der Enzyklopädie des deutschen Fußballs.

»So weit hat es kein deutscher Spieler gebracht«
 
Er sei »ein Typ wie Fritz Szepan« gewesen, »es trieb ihn um«, schreiben die Autoren Richard Kirn und Alex Natan 1958 in ihrem Buch »Fussball: Geschichte und Gegenwart«. »Er spielte bei La Chaux-de-Fonds, spielte in Buenos Aires und wurde El Capitano der Argentinien-Elf. So weit hat es kein deutscher Spieler gebracht.«
 
Und spätestens an diesem Punkt wird man als vermeintlicher Fußballexperte stocken: La Chaux-de-Fonds? Buenos Aires? Kapitän der argentinischen Nationalelf? Tatsächlich nimmt die Geschichte von Marius Hiller 1912 eine unvorhergesehene Wendung.

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