Wie ein Lottogewinner in die Bundesliga durchmarschieren wollte

Der König auf dem Esel

Im Dezember 1979 gründete ein Hamburger Malergeselle einen Fußballverein. Sein Ziel: Die Bundesliga. Sein Starkapital: ein Lottogewinn. 

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Dies ist ein Auszug aus unserem 11FREUNDE-Spezial »Amateure«. Alle Originale, Typen und Geschichten aus der Welt des Amateurfußballs findet ihr in diesem Heft, das am Kiosk eures Vertrauens oder direkt im 11FREUNDE-Shop erhältlich ist.

Außerdem steigt am morgen zum zweiten Mal der Tag der Amateure. Wie im vergangenen Jahr soll sich in der Länderspielpause einen Tag lang alles um unsere Liebe zum Amateurfußball drehen. Ihr wollt mit eurem Verein dabei sein? Hier entlang.


Das Telefon klingelt um kurz nach zehn. »Gummi!«, ruft der Wirt durch die Kneipe. »Gummi, deine Alte!« Günther Storbeck, den alle nur Gummi nennen, weil sein Körper so flexibel und dehnbar ist wie ein Deuserband, eilt zum Tresen und nimmt den Hörer entgegen. Er ist guter Dinge. Zwar hat sein geliebter HSV am Nachmittag 0:1 auf Schalke verloren, aber nun sitzt er im Suppenkeller, seiner Stammpinte im Hamburger Stadtteil Eppendorf, Weihnachtsfeier mit den besten Freunden. Es gibt Grünkohl, Schweinebacke und Kasseler, für die Jungs außerdem Schnaps und Bier. Gummi trinkt wie immer nur Cola.

 

Als er den Hörer wieder auf die Gabel legt, sagt er: »Caramba!« und wählt die Nummer der Lottozahlen-Auskunft. Noch mal: »Caramba!« Dann bestellt er eine Flasche Sekt. Als seine Freunde ungläubig zu ihm hinüberschauen, weil Gummi nie Alkohol trinkt, sagt er: »Sechs Richtige, Männer! Heute geht alles auf mich!« Sie feiern die ganze Nacht lang, und als sie ordentlich einen sitzen haben, fragt einer: »Gummi, was machste eigentlich mit der Kohle? Haus? Kreuzfahrt? Porsche?« Gummi sieht ihn an und sagt: »Ich gründe ’ne Fußballmannschaft, und eines Tages steigen wir in die Bundesliga auf.« Seine Freunde johlen und schreien »Geil, Gummi!« und »Irre, Gummi!«, denn sie finden, dass er einer, ist der das Zeug dazu hat, einen Fußballverein zu führen. Das war am 15. Dezember 1979.

Fast 40 Jahre später, an einem Freitagabend Anfang August 2017, sitzen drei ehemalige Spieler der Eppendorfer Spielgemeinschaft, kurz ESG, in der Kneipe Bierkrug. Früher gehörte sie Gummi und hieß erst Bierbrunnen, danach Sport-Eck. Sie liegt in dem Teil Eppendorfs, der noch mehr nach Arbeiterviertel und Holsten vom Fass riecht als nach Sommergarten und Latte macchiato. Die Männer, alle Mitte 60, frisch Gezapftes auf dem Tisch, Zigaretten im Mundwinkel, zeigen in Richtung Eckhaus auf der anderen Straßenseite. Da drüben, sagen sie, war früher der Suppenkeller. Da fand die legendäre Weihnachtsfeier statt, da ritt Gummi auf einem Esel über die Straße. Kennste die Story? Halbnackt saß er auf dem Tier! Irre, oder? Müssen wir erzählen!

 

»Ein positiv Verrückter«

 

Anwesend sind: Martin Tullius, zentrales Mittelfeld, wildes graues Haar, sanfter Blick, sanfte Stimme; redet gerne über Haschisch und führte früher einen Laden für Katzenstreu und Tierfutter. Ihm gegenüber Ulf Hoff, rechter Verteidiger, Bacardi-Cola-Fraktion, Sakko und Polohemd, Lausbubenlächeln; kennt alle Fakten der Vereinsgeschichte. Daneben Michael Wallbruch, Mittelfeld, manchmal auch Rechtsaußen, Reibeisenstimme, Typ Containerschiffkapitän a. D., Spitzname Walli; arbeitet bis heute in der Fotografie- und Druckindustrie.

 

Wer wissen möchte, was Amateurfußball ausmacht, findet hier Antworten. Denn in der Geschichte der ESG steckt das volle Kreisligadrama. Sie erzählt von Träumen und Hoffnungen, Freundschaft und Zusammenhalt, aber auch ein wenig von Größenwahn und Dilettantismus. Vor allem aber handelt sie von einem Mann mit treuen Augen und einer kindlichen Begeisterungsfähigkeit. Den die einen Paradiesvogel nennen und die anderen Abenteurer.

 

»Gummi war ’ne
Marke«, sagt Martin.

»Ein positiv Ver-
rückter«, sagt Ulf.

»War ’n Typ!«, sagt Walli.

»Hat mal beim VfB Lübeck im Tor gespielt«, sagt Martin.

Gummi starb 2004 im Alter von 78 Jahren. Zur Beerdigung kamen nicht mehr als zehn Trauergäste. Immerhin, Thomas Doll war da, und das hätte Gummi wirklich glücklich gemacht. Die beiden hatten sich um die Jahrtausendwende angefreundet. Wenn es ihm schlecht ging, weil nichts, aber wirklich gar nichts mehr von dem Lottogewinn übrig war, unterstützte der damalige HSV-Trainer ihn sogar finanziell. Gummi arbeitete in jenen Jahren als eine Art Mädchen für alles beim Bundesligisten. Er tapezierte die Wohnung von Anthony Yeboah, strich die Wände der Geschäftsstelle oder erledigte Kurierfahrten. Wenn die Profis oder Freunde ihn fragten, ob er traurig sei, dass die ESG sich schon drei Jahre nach dem großen Lottogewinn auflösen musste, sagte er nur: »Ach, war doch ’ne geile Zeit!«