Wie ein kolumbianischer Journalist die Liga eroberte

Horst Hrubesch, der fliegende Fisch

Nach den Spielen schneiden Salcedo und sein Team 52-minütige Zusammenfassungen der Spiele und schicken sie per Lufthansa zunächst an Stationen in Venezuela, Peru und Bolivien, später im ganzen Kontinent. Salcedo fragt sich anfangs, wer sich in Lateinamerika für deutschen Fußball interessieren soll, doch ehe er sich versieht, ist er ein kleiner TV-Star. Täglich flattern über 300 Briefe aus der ganzen Welt im Studio der Deutschen Welle ein. Und als Salcedo einmal in San José, Costa Rica, aus dem Flieger steigt, wundert er sich über die vielen Leute. Saß Julio Iglesias bei ihm im Flieger? Plötzlich hört er eine Stimme: »Das muss Andrés Salcedo sein!« Dann rennen sie auf ihn zu und fragen, ob Hansi Müller wirklich schon verheiratet ist und wieso der andere Müller, »El Bombardero«, immer so wenig sagt in den Interviews.

Hier realisiert Salcedo erstmals, dass sein didaktischer Kniff funktioniert hat. Der Journalist hat alle Bundesligaspieler mit neuen Spitznamen versehen, um die Bundesliga dem lateinamerikanischen Publikum verständlicher zu machen. Irgendwann lesen sich die Namen wie Superhelden in einer nie enden wollenden Märchensaga. Der Hobby­angler und Kopfballspezialist Horst Hrubesch wird bei ihm zu »El Pez Volador«, zum fliegenden Fisch. Der Frauenschwarm Hansi Müller ist der »Pura Pinta«, der Sonnyboy. Sepp Maier ist »El Loco«, der Verrückte, Paul Breitner »Mao Mao«, Jürgen Grabowski »El Brujo«, der Hexer, und Flemming Lund »El Enano Mandito«, der verdammte Zwerg. 

Der rasende Kolumbianer

In jenen Jahren wird Salcedo auch ein wichtiger Ansprechpartner für die wenigen Südamerikaner in der Bundesliga. Der Peruaner Julio Baylon (Fortuna Köln) oder die Argentinier Ricardo-Horacio Neumann (1. FC Köln) und Carlos Babington (Wattenscheid 09) treffen sich häufig mit Salcedo in den Gaststätten Kölns. Der offenherzige Journalist versucht ihnen zu erklären, wie wichtig es ist, sich auf die Kultur und das Land einzulassen. Die Spieler nicken – und bleiben trotzdem oft unter sich. Salcedo indes eilt von Spiel zu Spiel, von Interview zu Interview. Er ist der rasende Kolumbianer von der Deutschen Welle. Später, in den Achtzigern, moderiert er noch ein Programm, in dem er den Lateinamerikanern das ABC des Bundesligafußballs erklärt und die Serie »Manni, der Libero« ausgestrahlt wird.

Erst im Oktober 1990 hält Salcedo zum ersten Mal inne. Wollte er nicht nur einen Monat bleiben? Nun ist er 50 Jahre alt und blickt auf die Welt. Die Sicht ist gut, die Menschen strömen durch die Republik, wieder ist alles in Bewegung. Seine letzte Partie ist eine von Eintracht Frankfurt. Dann packt er seinen Koffer und fliegt zurück nach Bogota. Er hat seinen Job erledigt.