Wie ein kolumbianischer Journalist die Liga eroberte

Senor Bundesliga

1969 zog der kolumbianische Journalist Andrés Salcedo für einen vierwöchigen Vertretungsjob nach Köln - er blieb 21 Jahre und wurde die spanische Stimme der Bundesliga.

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Als Andrés Salcedo 1969 zum ersten Mal in Deutschland landet, ist alles so, wie es ihm seine Freunde erzählt haben: Die Menschen gucken ernst, die Häuser sind grau und das Wetter ist schlecht. Glücklicherweise hat er nur einen Vertretungsjob, denkt er, denn eigentlich arbeitet der Journalist beim spanischen Radiosender Cadena Ser in Madrid. Bei der Deutschen Welle in Köln soll er lediglich vier Wochen für einen venezolanischen Kollegen einspringen. Doch er macht den Job so gut, dass ihn der Sender am Ende des Monats bittet zu bleiben. Salcedo ist zwar skeptisch, doch einen weiteren Monat wird’s schon gehen. Er ahnt nicht, dass er für 21 Jahre bleiben wird.

Dabei ist der Anfang alles andere als leicht. Die Tage verbringt er im Studio der Deutschen Welle, abends trinkt er mit Bekannten Bier und spielt Domino. »Ich habe mich zunächst nur mit spanischsprachigen Menschen getroffen«, sagt Salcedo. Doch nach ein paar Wochen fällt ihm die Decke auf den Kopf. Er geht raus. Er möchte die deutsche Sprache und Kultur kennenlernen, und auf einmal ist es, als erlebte er eine zweite Ankunft in Deutschland. »Ich entdeckte die Freiheit«, sagt er und meint damit: sexuelle Freizügigkeit, Rockmusik, Beatnik-Keller. Ende der sechziger Jahre ist Deutschland in Bewegung, die Männer tragen lange Haare und Bärte, die Frauen rebellieren gegen alte Rollenmuster, gemeinsam wohnen sie in Kommunen und lesen Sartre. Es ist alles anders als in Lateinamerika, wo 1968 kaum stattfand. Auch anders als in Spanien, wo Franco regiert, als Salcedo das Land verlässt.

Das Land, in dem alles möglich scheint

Deutschland ist auf einmal das Land, wo alles möglich scheint. Auch im Fußball. Salcedo hofft auf eine Chance als Kommentator, schließlich findet bald die WM in seiner neuen Heimat statt – und gute spanischsprachige Reporter sind rar in Deutschland. Ein wenig Sprecherfahrung hat er, denn früher, als er noch in Kolumbien lebte, sprach er in der Halbzeitpause Werbeclips ein. 

Am 13. Juni 1974 erfüllt sich sein Traum. Er kommentiert das erste Mal ein Fußballspiel: Brasilien gegen Jugoslawien. Es ist das Eröffnungsspiel der WM. Seine Chefs, die Chilenen Patricio Bañados und Sergio Silva Acuña, lehren ihn den Umgang mit dem Mikrofon. Wenige Wochen später sichert sich die Deutsche Welle die Übertragungsrechte für die Bundesliga – für 100 Mark pro Spiel. Plötzlich ist Salcedo mittendrin im Geschehen, er wird gebeten, für den spanischsprachigen Markt zu kommentieren – er soll der Toby Charles Lateinamerikas werden. Im Oktober 1974 sitzt Salcedo am Bökelberg bei seiner ersten Partie in der Sprecherkabine. Der FC Bayern gewinnt durch Tore von Klaus Wunder und Conny Torstensson mit 2:1 gegen Gladbach, und Salcedo weiß, was er zu tun hat. Er schreit: »Gooooooooooool!« Ein Reporter vom »Stern« schreibt in seinem Nachbericht: »Als der kolumbianische Kommentator ein Tor bejubelte, klang es, als gebäre er ein Kind.«