Wie ein indischer Nationalspieler in Bulgarien landete

Globaler Transferirrsinn

Der »indische Beckham« Renedy Singh stand dieses Jahr für ein paar Monate bei ZSKA Sofia unter Vertrag. Der klamme Klub hoffte auf Rettung aus Asien.

Boryana Katsarowa

Fußball ist bekanntlich ein globales Geschäft, und wirklich jeder glaubt, dabei mitmischen zu können. Die allseitige Jagd nach Ruhm und Geld sorgt für Geschichten, die dem Laien manchmal so unverständlich sind wie die Abseitsregel den Mitgliedern eines Briefmarkenklubs. Ganz egal, ob jemand meint, 100 Millionen Euro für seinen neuen Star ausgeben zu müssen oder reichlich exzentrische Marketingstrategien wählt.

Geht es vielleicht auch eine Nummer kleiner?

Ende Februar dieses Jahres versetzte eine Nachricht die bulgarische Fußballszene in Aufruhr. ZSKA Sofia, Rekordmeister seines Landes, verpflichtete den 35 Jahre alten Inder Renedy Singh. Der bereits ziemlich betagte Fußballer aus dem bevölkerungsreichen Fußballentwicklungsland wurde bis zum Saisonende vom indischen Verein Kerala Blasters ausgeliehen.

Für Verblüffung sorgte aber nicht nur der Transfer an sich, sondern vor allem der schneidige Tusch, mit dem der Neue von den Klubchefs begrüßt wurde. Zitat: »Mit diesem Transfer wollen wir die Marke ZSKA auf dem indischen Fußballmarkt populär machen.« Mancher in Bulgarien dachte sich: Geht es vielleicht auch eine Nummer kleiner?

Nun ist ZSKA mit 31 bulgarischen Meistertiteln und zwei Halbfinalteilnahmen im Europapokal zweifellos ein Verein mit einer reichen Geschichte. Fraglich ist indes, wie viele Fußballfans in Südostasien davon Kenntnis genommen haben. Selbst Renedy Singh musste sich vor seiner Ankunft übers Internet schlaumachen. »Natürlich wusste ich, dass ZSKA der ehemalige Klub solcher Fußballgrößen wie Christo Stoitschkow und Martin Petrow ist«, sagt er. Um dann kleinlaut zu ergänzen: »Für weitergehende Informationen musste ich den Verein erst einmal googeln.«

Es ging das Gerücht um, er sei Multimillionär

Das Angebot erhielt Singh, der mehr als 70 Länderspiele für Indien bestritten hat, von portugiesischen Spielervermittlern. Die organisieren gelegentlich Trainingslager der indischen Nationalmannschaft in Europa und kannten außerdem den damaligen ZSKA-Trainer Stojtscho Mladenow. Noch bevor Singhs erste Woche in Sofia vorbei war, verbreiteten bulgarische Medien das Gerücht, der Mittelfeldspieler sei Multimillionär. Eine offensichtliche Fehlinformation, wie Singh mit einem Lächeln beteuert: »Natürlich entspricht das nicht der Wahrheit. Aber jetzt verstehe ich auch, weshalb sich kurz nach meiner Verpflichtung ein Mitspieler Geld von mir leihen wollte.«

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Singhs Salär nach wie vor aus Indien bezahlt wird. Geld ist nämlich bei ZSKA ein großes, aber kein schönes Thema. Die finanzielle Lage ist seit Jahren desaströs. Im März musste ZSKA kurzfristig eine halbe Million Euro auftreiben, um die Lizenz für die nächste Saison zu erhalten. Die Schulden des einstigen Armeeklubs betragen mindestens sechs Millionen Euro. 2008 wurde ZSKA wegen seiner wirtschaftlichen Probleme aus den europäischen Pokalwettbewerben ausgeschlossen. Ironischerweise war der Klub damals im Besitz des indischen Stahlmilliardärs Pramod Mittal, der allerdings nach einem Jahr die Lust an seinem Spielzeug verlor.