Wie ein Hannover-Fan den Abstiegskampf erlebte

Nicht egal

Dreimal erlebte Hannover-Fan Klaas Reese einen dramatischen Abstiegskampf mit. So unemotional wie diesmal war es aber noch nie. Und das lag auch an einem langjährigen Konflikt zwischen Fans und Vereinsführung.

imago

Autor: Klaas Reese

Keine Uhr im Stadion, die seit dem Pleistozän läuft. Kein finanziell abgeschlagener Underdog, der per se die Herzen Fußballdeutschlands erwärmt. Weder Mannschaft noch Vereinsführung mit hohen Sympathiewerten. Am Ende wäre es den meisten wahrscheinlich egal oder nur recht gewesen, wenn Hannover 96 den Weg in die Zweite Liga hätte antreten müssen.
 
Die Roten rufen – wenn überhaupt – eher negative Emotionen hervor, weil Präsident Martin Kind mit wenig durchdachten Interviews höchstens Mitleid mit den 96-Fans auslöst. Ein paar letzte Witze über die Verpflichtung von Michael Frontzeck. Ein paar markige, selbstbewusste Worte von Peter Neururer für den Boulevard. Das wäre es dann wohl gewesen.

Mund abputzen. Weitermachen?
 
Abseits des Konjunktivs stehen am Ende 37 Punkte und Platz 13. Unteres Mittelfeld. Genauso egal wie Hoffenheim oder Frankfurt auf Platz acht und neun. Mund abputzen. Weitermachen. Nächstes Jahr auf ein Neues.
 
Könnte man meinen.
 
Doch etwas ist anders. Diese Saison hat etwas verändert. Eine Saison, in der es mehr Öffentliche Briefe als gute Spiele von 96 gab. Eine Saison, in der die Roten fast nur Auswärtsspiele hatten, weil die sangesfreudigen Fans ob des Verhaltens der Vereinsführung schwiegen oder ganz wegblieben, um bei der U23 lieber den Fußball von früher mit Wurst vom Holzkohle-Grill genossen, statt sich bei den Profis vom Präsidenten beschimpfen zu lassen. Eine Saison, in der Sportdirektor Dirk Dufner, Präsident Martin Kind und (Ex-)Trainer Tayfun Korkut so lange von Europa träumten, dass sie fast den Abstiegskampf verpennt hätten.
 
Korkut ist schon weg. Dufner präsentierte sich zwar selbstbewusst auf jeder einzelnen Spieltagspressekonferenz, wird aber wohl auch ausgetauscht. Und Martin Kind: Der bleibt vermutlich für immer. Ihm gehört der Verein nun sogar. Zusammen mit ein paar Investorenkumpanen hat er den Verein übernommen, der nun in einer Reihe mit Bayer Leverkusen, der TSG aus Hoffenheim und dem VfL Wolfsburg zu nennen ist.

Was die Investorenbuddies mit dem Klub vorhaben, ist unklar. Viel Geld hat es dem Verein wohl nicht in die Kassen gespült, und so wird man weiter auf ein stringentes sportliches Konzept hoffen müssen, um wieder erfolgreichen und ansehnlichen Fußball in Hannover zu sehen. Das Gesamtkonzept, bei dem Spielidee und ein gelungenes Transfer- und Jugendkonzept ineinandergreifen, fehlt seit Jahren. Kind gefällt sich im Hire-and-Fire-Modus und lässt sich lieber vom wortgewaltigen Dieter Schatzschneider als von Fußballfachleuten beraten.

Sehnsucht nach Zen-Meister Jörg Schmadtke
 
Der letzte anerkannte Fachmann, der bei 96 unter Vertrag stand, wurde im Zweikampf mit Trainer Mirko Slomka geopfert. Er hat daraufhin aus einem skandalumwobenen Fahrstuhlverein einen durchschnittlichen Bundesligisten geformt. Jörg Schmadtke, ein Mann mit klaren Analysen und der beruhigenden Aura eines chinesischen Zen-Meisters, vermissen in der niedersächsischen Landeshauptstadt die meisten. Beim 1. FC Köln kann seit Wochen für die neue Erstligasaison geplant werden. In Hannover war man nur ein Gegentor vom Abstieg entfernt.

Die Planungen lagen deshalb auf Eis, und so wird es jetzt zwangsläufig wieder einen Umbruch geben, den zweiten nach den Abgängen von Mame Diouf, Szabolcs Huszti und Co. im letzten Sommer. Wer dabei den Ton angibt, ist offen. Manager- und Trainerposten sind quasi vakant, und der einzige Spieler mit überdurchschnittlichen Leistungen in dieser Saison, Lars Stindl, verlässt den Verein, um mit Borussia Mönchengladbach in der Champions League zu spielen.