Wie ein Freiburger Student plötzlich im Ibrox spielte

Mein Bruder guckte das Spiel damals live über »Rangers TV« im Internet. In der Halbzeitpause ging es da nur um mein Foul. Wiederholungen, Analysen, das ganze Programm. Mein Bruder sagte später, es sei höchstens Dunkelgelb gewesen. Aber die Rangers-Reporter sahen das anders. Am Ende verloren wir mit 2:6. Die Tage danach waren die Hölle. Rangers-Fans schrieben mir bei Facebook, was ich mir einbilden würde, Kevin Kyle so zu attackieren.

Auch mein Trainer war extrem angepisst und kritisierte mich öffentlich im Radio. In der Schule holten die Kinder dauernd ihre Schulkalender raus und hielten sie mir vor die Nase. Die Dinger waren knallrot. Und sogar in der Morgenansprache des Rektors ging es um das Foul, der Mann war fußballverrückt. Ganz ehrlich: Vor dem Spiel hatte ich wieder ein bisschen geträumt. Ich war erst 23 Jahre alt und dachte, vielleicht würde noch was in Richtung Profikarriere gehen. Aber dieses Erlebnis holte mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Immerhin: Unsere Fans nahmen es mir nicht übel. Als ich vom Feld schlich, applaudierten sie.

Ich hatte nur einen Fertig-Nudelsalat dabei

Danach war ich einen ganzen Monat lang raus. Ich war gesperrt, und der Trainer ignorierte mich. Keine schöne Zeit. Aber: Es gab ja noch das Rückspiel. Und das Ibrox setzte dem Ganzen die Krone auf. Ich lief durch die Katakomben, sah die Trophäen, all die Bilder, Gänsehaut. Auch die Kabinen sind großartig. Jeder hat seinen eigenen Spind, die Trikots hängen aufgereiht am Haken, es gibt ein Entmüdungsbecken. Und dann diese Stimmung! In den Straßen waren überall Polizisten auf Pferden unterwegs, denn: Trotz des Zwangsabstiegs pilgerten massenweise Fans ins Stadion.

Das einzige Problem: Anpfiff war schon um zwölf Uhr. Eine komische Zeit zum Kicken. Ich wusste überhaupt nicht, wann ich etwas essen sollte – und hatte nur einen Fertig-Nudelsalat dabei. In einer Plastikschale. Den wollte ich in der Kabine essen. Aber dort geisterte die ganze Zeit ein Kameramann herum und filmte alles. Irgendwie konnte ich das nicht bringen, Fertignudeln aus der Plastikschale, vor laufender Kamera, vor dem Spiel im Ibrox. Also habe ich nichts gegessen. Was am Ende aber nicht schlimm war, denn als ich den Rasen betrat, um mich warm zu machen, waren bei mir die Lichter angeknipst. Da guckten 44.534 Zuschauer zu – was für eine unfassbare Kulisse. Außerdem waren mein Vater und meine Mitbewohner da.

Jetzt zahlte sich alles aus

Als ich in die Menge schaute, wurde mir eines klar: Alles, was ich in den Fußball investiert hatte, zahlte sich jetzt aus. Denn obwohl ich nie Profi wurde, habe ich in meiner Jugend auf viel verzichtet. Aber plötzlich war ich mitten im Ibrox. Wir haben zwar wieder verloren, 1:3, und ich wurde nur eingewechselt. Aber erstens war die Niederlage sportlich egal, weil in dem Jahr kein Team absteigen konnte. Und zweitens erlebte ich den Schlusspfiff auf dem Rasen – und flog nicht vorher vom Platz.