Wie ein Freiburg-Fan den Abstiegskampf erlebte

Kalte Hände

Angst? Wut? Trauer? Als alles vorbei und der SC Freiburg abgestiegen war, spürte Anhänger Carmelo Policicchio: nichts. Warum nur?

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Autor: Carmelo Policicchio

Am Morgen des letzten Spieltages wunderte er sich, wie kalt es immer noch war. Der Mai war schon fast vorüber und trotz eines blauen Himmels, fröstelte es ihn, als er auf die Terrasse trat. Ein seltsames, schwer zu beschreibendes Gefühl befiel ihn. Leere? Nervosität? Angst? Oder eine fatalistische Gelassenheit? Er wusste es nicht.

Mit dem Kaffee in der Hand starrte er durch die Terassentür und sah sich und seinen Kumpel am Autobahn-Zubringer stehen. 21 Jahre her, 7. Mai 1994, acht Uhr morgens, und es war schon ziemlich heiß. Warten auf den Lift nach Duisburg, letzter Spieltag der Saison 1993/94. An jenem Abend würde sich der SC mit einem 2:0-Sieg beim MSV in letzter Sekunde gerettet und sein erstes großes Fußballwunder erlebt haben. Und die »taz« würde »Das Gute hat gesiegt!« auf ihrer Sportseite titeln. Der Kaffee wärmte seine Hand, der Gedanke an jenen Tag sein Herz. Fünf Jahre später ein nicht ganz so dramatisches Finale in Nürnberg, mit vier Freunden war er dort gewesen. Beim »Club« hatten sie schon die Dauerkarten für die nächste Bundesligasaison angeboten, der Abstieg traf den Verein wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

Kein Schmerz, keine Verzweiflung, keine Ohnmacht

Und heute? Der dritte Last-Minute-Abstiegskampf für den SC in seiner Erstligahistorie, die bisherigen drei Abstiege waren immer schon vor dem letzten Spieltag besiegelt. Eigentlich hatte er geplant, nach Hannover zu fahren, aber Dinge, die er nicht beeinflussen konnte, hatten das verhindert. Und irgendetwas in seinem Kopf flüsterte: »Vielleicht gut so.«
 
Er verbrachte den Morgen mit sinnlosen Tätigkeiten wie Staubsaugen (!!) und Aufräumen und ertappte sich dabei, nicht nervös zu sein. 12 Uhr Mittag und er tat sich nach wie vor schwer, seinen Gefühlszustand einordnen zu können. Nervös war er definitiv immer noch nicht, und er fragte sich, ob das ein gutes Zeichen war. Er hatte einen Friseurtermin um halb eins und begann sich zu wundern, wieso er sich am wichtigsten Spieltag der Saison die Haare schneiden ließ. Noch zwei Stunden bis zum Anpfiff, eine stumpfe Moderation faselte auf SWR1 etwas vom »spannenden Abstiegskampf im Ländle, bei dem wir natürlich unseren beiden Teams die Daumen drücken.« Er nahm sich fest vor, gegen den GEZ-Gebührenbescheid Rechtsmittel einzulegen.

Dann war es 15:30 Uhr, die Kneipe war gerammelt voll. Er setzte sich auf seinen Stuhl und schaute auf die Leinwand.

Als alles vorbei war, spürte er: Nichts. Keinen Schmerz, keine Verzweiflung, keine Ohnmacht. Am ehesten noch das Gefühl, nach draußen zu gehen, einen Stein zu nehmen und eine Scheibe einzuschmeissen. Nicht aus Wut, eher aus dem Gefühl heraus, sich zu vergewissern, dass aus ihm kein Roboter geworden war.