Wie ein britischer Schuhmacher vor 140 Jahren das Flutlicht erfand

»Unbefugte haben mutwillig sechs Schrauben entfernt oder gelockert«

Der Grund, aus dem die Eintracht dieses Spiel auf den Abend gelegt hatte, war der »lange Samstag«. Damals durften Geschäfte am ersten Samstag eines Monats bis 18 Uhr öffnen, was für großen Andrang in den Innenstädten sorgte. Diese konsumfreudigen Zeitgenossen, 
so dachten einige Vereine, würden 
nachmittags lieber shoppen, als ins Stadion zu gehen. Daher rollte der 
Ball erst nach Ladenschluss. Der bekannte Journalist Richard Kirn hielt das für einen Trugschluss. Er warnte 
die Klubs, dass sie bei einem Anstoß um 20 Uhr sogar Zuschauer verlieren könnten: »Viele leidenschaftliche Fernsehfreunde werden auf das Spiel verzichten«, schrieb er. »Samstags sind nämlich die attraktivsten Programme.«

Außerdem glaubte Kirn nicht, dass jemand bei kalter Witterung so spät noch ins Stadion wollte. An die Spieler dachte er dabei nicht, diese Fürsorge blieb dem 1. FC Köln vorbehalten. Der beschwerte sich beim DFB über die zunehmende Ansetzung von Flutlichtspielen im Winter. Wie der »Kicker« schrieb, argumentierte der FC, dass den Profis »solche Spiele bei eisigen Temperaturen auf Dauer nicht zuzumuten sind«. Ein ganz anderes Problem sorgte Anfang Dezember 1963 für den Abbruch der Abendpartie zwischen Hamburg und Dortmund: Eine Nebelbank legte sich über das Stadion, und im Schein der Tiefstrahler trat ein Effekt ein, wie ihn Autofahrer kennen, die bei Nebel das Fernlicht einschalten – es verschlechtert die Sicht dramatisch. Auch deswegen hielt Kirn im »Sportmagazin« fest: »Flutlicht ist eine Sache für heiße Länder und heiße Jahreszeiten.«

»Unbefugte haben mutwillig sechs Schrauben entfernt oder gelockert«

Und, so vergaß er zu erwähnen, für Länder mit Strom und ohne Wind. Dass Ersteres nicht unwichtig ist, musste Rot-Weiß Oberhausen im März 1963 erfahren: Ein geplantes Testspiel gegen die Schweizer Nationalelf in Zürich wurde wegen eidgenössischer Stromknappheit kurzfristig abgesagt. Drei Jahre später kippte in Leverkusen ein Flutlichtmast um, zum Glück nicht bei einem Spiel. Danach machte man sich Sorgen um die Sicherheit der Zuschauer. In Kaiserslautern saß ein Meteorologe mit einem Windmesser im Publikum und hatte Anweisung, das Stadion bei Stärke sechs räumen zu lassen. Es ist nicht bekannt, ob er seinen Job verlor, als sich herausstellte, dass der Mast in Leverkusen durch Sabotage kollabiert war. »Unbefugte haben vorher mutwillig sechs Schrauben entfernt oder gelockert,« sagte der Wiesbadener Flutlicht-Händler Richard Ott einem Reporter.

Jener Ott war der Flutlichtgott der frühen Jahre. Man sollte annehmen, dass Giganten wie Siemens oder Philips den Markt rasch unter sich aufteilten, doch am hessischen Familienunternehmen bissen sie sich die Zähne aus. Ende der Sechziger hatten Otts Monteure schon mehr als 220 Anlagen in 18 Ländern errichtet. Die Firma war nicht nur schneller und billiger als die Großkonzerne, sondern auch innovativer. Ott baute zum Beispiel Flutlichter mit hydraulisch versenkbaren Masten und kam schließlich auf die Idee mit nur zwei Strahlern, wie sie am Bieberer Berg umgesetzt wurde. Der »Spiegel« erklärte das Konzept so: »Ein Flutlichtträger vertritt gleichsam die Sonne als wichtigste Lichtquelle, der zweite spendet das normalerweise vom Himmel reflektierte Nebenlicht.«

Am 15. November 1966 wurde es endlich Licht in der geteilten Stadt

Die letzte Spielstätte in der Bundesliga ohne Flutlicht war ausgerechnet das Olympiastadion in Berlin. Nach dem Start der neuen Liga 1963 stritt man mehr als drei Jahre lang über Kosten, Anbieter, Helligkeit und Aussehen der gewünschten Anlage. Erst am 15. November 1966, um genau 18.48 Uhr, wurde es endlich Licht in der damals geteilten Stadt.

Nach dieser langen Wartezeit wollte sich Berlin nicht lumpen lassen: Vier je 85 Meter hohe Masten überragten das Feld. Diese Riesen – exakt so hoch wie die Masten im Melbourne Cricket Ground, die gegenwärtig als die höchsten der Welt gelten – verschwanden erst 2004, als man beim Umbau 3200 Halogenscheinwerfer im inneren Dachring verbaute. Diese scheinen nahezu senkrecht auf das Feld herab, was den eigentümlichen Effekt erzeugt, für den das moderne Olympiastadion berühmt oder berüchtigt ist: Die Spieler werfen keine Schatten, wie Vampire. Man mag das beklagen, aber immerhin müssen sich Berliner Zuschauer heute nicht mehr mit Regenschirmen vor den Strahlen des Flutlichts schützen.