Wie ein britischer Schuhmacher vor 140 Jahren das Flutlicht erfand

Teams spielten extra in »Flutlicht-Trikots«

Trotzdem gab es Probleme. Zum Anstoß um 19.30 Uhr standen die Türme in den vier Ecken, doch im Verlauf der Partie schob man sie hinter die Tore. Offenbar war es schwierig, das Licht so auszurichten, dass alle Bereiche des Feldes gleich gut ausgeleuchtet wurden. Zudem waren die Scheinwerfer nicht weit genug vom Platz entfernt, weshalb die Spieler manchmal geblendet wurden und anfängerhafte Fehler begingen, was laut »Manchester Times« für Heiterkeit auf den Rängen sorgte. Über die Spieler – die »Roten« und die »Blauen« – weiß man, dass sie aus Klubs der Stadt kamen, die meisten von Sheffield Wednesday. Die Kapitäne waren die Brüder William und Charles Clegg, zwei Ex-Nationalspieler. Die Elf von William, der eines Tages Bürgermeister von Sheffield werden sollte, trug Blau und gewann mit 2:0.

Taskers Werbeveranstaltung war nicht das erste Sportereignis unter Flutlicht, denn Simon Inglis hat Hinweise da-rauf gefunden, dass schon drei Monate zuvor bei einem Polospiel in London Scheinwerfer zum Einsatz kamen, um die Partie trotz Dämmerung beenden zu können. Aber der Kick in Sheffield war die schlagzeilenträchtigste Veranstaltung dieser Art – und sollte es lange bleiben. Denn Sport unter Flutlicht setzte sich nicht recht durch. Zum einen, weil das Ganze mit großem Aufwand verbunden war. Zum anderen fürchtete man die Anfälligkeit der Technik. Vor allem aber bestand einfach keine zwingende Notwendigkeit, erst dann zu spielen, wenn die Sonne untergegangen war.

Zwölf Scheinwerfern – zwölf Masten

So blieb das Flutlicht besonderen Ereignissen vorbehalten. Wie etwa dem Abschiedsspiel des berühmten Nationalspielers Richard Hofmann im Jahre 1949. Es fand am Silvesterabend im Stadion am Ostragehege in Dresden statt, vor den Augen von 25 000 Fans und beleuchtet von gleich zwölf Scheinwerfern auf ebenso vielen Masten. Um den Ball besser sichtbar zu machen, der damals ja nicht weiß war, sondern braun, überzog man das Leder mit Phosphor.

Diese Begegnung galt Historikern lange als erstes Fußballspiel unter Flutlicht in Deutschland. Doch dann stießen Mitarbeiter von Hannover 96 auf einen Bericht in einer Lokalzeitung vom 1. September 1926. Unter der Überschrift »Deutsch-türkischer Sport-Abend« heißt es dort: »Zum ersten Male in Deutschland (und vermutlich auch auf dem Kontinent) findet heute in Hannover ein Fußballspiel im Freien unter künstlicher Beleuchtung statt. Die türkische Nationalelf spielt gegen eine Auswahl des Norddeutschen Südbezirks.« Möglich war dies, weil die Partie auf einer Radrennbahn mit Beleuchtungsanlage ausgetragen wurde.

Teams spielten extra in »Flutlicht-Trikots«

Die meisten anderen deutschen Klubs machten jedoch ihre ersten Erfahrungen mit dem, was man damals gerne »Tiefstrahler« nannte, weit weg von daheim. Sehr weit weg. Der HSV zum Beispiel spielte zum ersten Mal in der Nähe der Niagarafälle unter Flutlicht. Am 12. Mai 1950 trat die Elf auf ihrer USA-Reise in Rochester gegen ein All-Star-Team an. Nach der Pause gingen die Lichter an (und ein weiß lackierter Ball kam ins Spiel).

Dort, in Amerika, fanden schon seit den dreißiger Jahren Baseballpartien bei Flutlicht statt, denn wer auch unter der Woche spielen möchte, sollte tunlichst warten, bis seine Kundschaft Feierabend hat. Diese Idee setzte sich nun auch im Fußball durch. Als erster englischer Klub installierte Arsenal 1951 eine Flutlichtanlage und lief an einem Mittwochabend im September gegen Hapoel Tel Aviv auf. (Die nächste Ausgabe des Stadionmagazins zitierte einen Fan mit den Worten, die Sicht sei erheblich besser gewesen als an so manchem trüben Londoner Samstagnachmittag.)

Doch die berühmtesten Abendspiele trugen die Wolverhampton Wanderers aus. Deren Partien gegen Dynamo Moskau und Honved Budapest 1954 sorgten für so viel Aufsehen, dass die Einführung des Europapokals der nächste logische Schritt war. Wolverhamptons Trainer Stan Cullis gab übrigens extra für diese Flutlichtspiele besondere Trikots in Auftrag. Wie die Zeitung »Express & Star« später schrieb: »Sie wurden aus einem neuen seidigen Stoff hergestellt, der im Dunklen hell leuchtete. Sie ließen die Spieler wie Glühwürmchen wirken, die im Schein des Lichts hin- und hersausten.« Das war, wie das Blatt weiter berichtete, beileibe nicht die einzige Neuerung, die sich Cullis für die Kicks unter Kunstlicht einfallen ließ: »Die Fahnen der Linienrichter wurden mit kleinen elektronischen Lämpchen in den Griffen ausgestattet, damit die Zuschauer eine Abseitsentscheidung schneller bemerken konnten.«