Wie ein blinder Fan den Fußball verfolgt

»Fußball war meine Rettung«

Bei einem Autounfall verlor Jens Vollweiter 1995 das Augenlicht, seine Frau und die Lust am Leben. Heute erlebt der 47-jährige den Fußball intensiver als jemals zuvor. 

imago

Jens Vollweiter, Sie sind im Alter von 25 Jahren erblindet. Welche Rolle spielt der Fußball in Ihrem Leben?

Fußballfan zu sein war mein Ticket hinaus aus der Hölle. Ich bin damals mit meiner Familie im Auto von Fulda ins Ruhrgebiet unterwegs gewesen, als ich den Wagen aus bis heute ungeklärten Umständen vor einen Brückenpfeiler setzte. Ich hatte Glück. Als mich der Rettungsdienst aus dem nur noch 93 Zentimeter langen Wagen schweißte, war mein Kopf zerdrückt, die Füße und Knie zertrümmert und mein linkes Auge hatte sich gleich beim Aufprall aus der Höhle verabschiedet, später verlor ich auch noch das rechte. Meine Eltern mussten aktuelle Fotos von mir ins Krankenhaus bringen, damit die Ärzte mein Gesicht rekonstruieren konnten. Das Schlimmste aber war, nachdem ich aus einem zweimonatigen künstlichen Koma erwachte, zu erfahren, dass meine im achten Monat schwangere Frau, die sich aus Bequemlichkeit nicht angeschnallt hatte, bei dem Unfall ums Leben kam. Mein neben mir im Maxi-Cosi liegender Sohn Lukas erlitt lediglich Arm- und Beinbrüche.

Wie ging es danach für Sie weiter?

Ich musste wieder in mein altes Kinderzimmer zu den Eltern ziehen, war massiv depressiv, stand mit Suizidgedanken auf und ging mit ihnen ins Bett. Und dazwischen wollte ich nur noch im Sessel sitzen, bis ich sterbe, weil ich mich für den Tod meiner Frau verantwortlich fühlte. Meine Kumpel vom Schalke-Fanclub »Blue-White Queens« überredeten mich dann, mitzukommen zum Auswärtsspiel nach Kaiserslautern. Das war meine Rettung. Obwohl ich mich arg sorgte, weil die »Blindentechnische Grundausbildung« noch gar nicht begonnen hatte und ich nicht wusste, wie Blindsein im Alltag funktioniert. Vom Spiel selbst erinnere ich nur noch, dass Jens Lehmann einen Elfmeter von Andy Brehme hielt und es 0:0 endete. Aber nach diesem Tag wusste ich: Ich kann fast alles, was ich auch früher konnte. Ich kann es nur nicht mehr sehen und brauche hier und da ein bisschen Unterstützung. Und der Stehplatz ist leider keine gute Idee mehr. Dieses Stadionerlebnis hat mich wieder auf die Schienen gestellt und von da an ging es aufwärts.

Wie erleben Sie den Fußball heute?

Ich erlebe ein Spiel heute viel intensiver. Damals ging es um die Gemeinschaft und darum, mit den Jungs Schalke zu unterstützen, der Mannschaft hinterherzureisen und zu feiern. Vom Spiel selbst haben wir im Parkstadion und den anderen Betonschüsseln doch sowieso nicht viel mitbekommen, weil man kilometerweit vom Geschehen entfernt stand. Außerdem war Schalke in den Achtziger- und frühen Neunzigerjahren auch nichts für Fußballästheten und bis auf wenige Ausnahmen eine Bolzerei. Ich möchte fast sagen, dass ich erst seit meiner Blindheit so richtig in ein Spiel eintauche, mich für den Fußball mit all seinen Raffinessen interessiere. 

Wie läuft eine Begegnung an einem Bundesligaspieltag oder während der WM bei Ihnen ab?

Als ich noch sehend war, habe ich bei Gerd Rubenbauer und Heribert Faßbender immer den Ton abgedreht, das Spiel geschaut und dabei AC/DC oder Van Halen gehört, weil ich diese Laberei nicht ertragen konnte. Heute bin ich auf diese Kommentare angewiesen. Perfekt ist es, wenn ich auf Schalke bin, die Stadionatmosphäre habe und dabei die Blindenreporter höre. Nach über 20 Jahren Fußball ohne Augen kann ich sagen: Sie sind die Besten, legen den Fokus nur auf das Spiel und beschreiben Nebensächlichkeiten nur dann, wenn der Ball im Aus ist oder auf dem Rasen nichts passiert. Denn wenn ich während des Spiels nur fünf Sekunden lang nichts höre, bin ich raus aus der Nummer.

Und wenn Sie nicht im Stadion sind?

Wenn ich nicht im Stadion sitze, höre ich die Spiele alleine zu Hause und es laufen zwei Reportagen parallel. Um möglichst live zu sein, höre ich zum einen die Audiodeskription über den zweiten Tonkanal des Fernsehgeräts, zum anderen die Vollreportage über WDR Event. So höre ich die Fans und die Atmosphäre im Stadion eher über das TV, das Geschehen auf dem Platz hole ich mir aus dem Radio. Alles zeitgleich zu hören bedurfte einer gewissen Übung, heute ist das normal für mich. Und weil ich eben nicht von Geburt an blind war, kann ich mir auch ein ziemlich genaues Bild von den jeweiligen Spielsituationen machen, sie sozusagen sehen.