Wie ein Anwalt in Hannover gegen die Übernahme von Martin Kind kämpft

Interessiert sich der Verein überhaupt noch für seine Mitglieder?

Die Mitgliederversammlung im April 2017 ist ein solches Thema. »In der letzten Versammlung, da hätten wir, die Mitglieder, noch Einfluss gehabt«, konstatiert er in einem Ton, der erahnen lässt, wie tief der Stachel immer noch sitzt. »Da hätten wir das noch über eine Satzungsänderung stoppen können.« Um was geht es genau? Bevor er fortfährt, wendet sich Hüttl an seine Sekretärin, die gerade den Raum betritt.: »Könntest du mir eine Zigarette bei den Kolleginnen schnorren?« Die Kippe kommt umgehend – nette Kollegen.

Auf der Mitgliederversammlung gab es mehrere Satzungsänderungsanträge. Einer sollte festlegen, dass der Vorstand nur dann Geschäftsanteile veräußern darf, wenn er zuvor die Zustimmung in der Mitgliederversammlung einholt. Der Antrag scheiterte knapp an der notwendigen Zweidrittelmehrheit. Das heißt trotzdem, dass mehr als die Hälfte der anwesenden Mitglieder weiterhin Einfluss üben wollen.

Interessiert sich der Verein überhaupt noch für seine Mitglieder?

Ein anderer Antrag wurde allerdings angenommen. Sinngemäß sagt er, dass vor einem Ausnahmeplan der Bosse erst einmal die Mitglieder informiert werden müssen. Im Anschluss soll eine außergewöhnliche Mitgliederversammlung durchgeführt werden. Dabei soll eine einfache Mehrheit über den Antrag entscheiden.

Der Streitpunkt: »Kind sieht den Beschluss der Mitgliederversammlung lediglich als Empfehlung«, sagt Hüttl. Kinds Begründung: In der Satzung wird geregelt, dass der Vorstand den Verein nach außen vertritt. Hüttls Standpunkt, ebenfalls gemäß Satzung: »Die Jahreshauptversammlung ist das oberste beschließende Organ und der Vorstand setzt die Beschlüsse der Hauptversammlung um.« Die Rechtsstreitigkeiten laufen, aber die Zeit rinnt davon. »Wenn Kind den Antrag stellt, wird die DFL das durchwinken, und dann ist das Ding durch«, versichert Hüttl. Für ihn stellt sich die Frage, wie auch in Stuttgart, in Köln und anderswo: Wie viel Einfluss haben die Mitglieder noch auf ihren Verein? Und: Interessiert sich der Verein überhaupt noch für seine Mitglieder?


Foto: Jewgeni Roppel

Ein weiterer Brandherd sind 119 abgelehnte Mitgliedsanträge. Die »Interessengemeinschaft Pro Verein 1896«, ein Zusammenschluss von 96-Fans, der sich im Herbst 2015 gründete, hatte die Anträge gebündelt an den Verein übergeben. Nach langem Warten wurden sie abgelehnt. Begründung? Fehlanzeige. Der Verein teilte lediglich mit, die Entscheidung »im Interesse des Vereins« getroffen zu haben. Juristisch sieht Hüttl das Vorgehen kritisch: »Die Satzung sieht keine Ausschlusskriterien vor. Deshalb braucht es eine individuelle und nachvollziehbare Begründung.« Er vermutet, dass sich der Verein vor neuen kritischen Mitgliedern fürchtet.

Die Uhr tickt

Es scheint, als wolle sich Kind nicht ernsthaft die Bedenken der Fans anhören, geschweige sie mit einbeziehen. Irgendwie traurig, schließlich verdient er sein Geld mit Hörgeräten.

Just in diesem Moment erreicht Hüttl die Nachricht, dass der Antrag seines Mandanten auf eine einstweilige Verfügung vom Landgericht Hannover zurückgewiesen wurde. Die Ausnahmegenehmigung für 96 kommt damit immer näher. Hüttl greift zum Telefonhörer, es muss jetzt sehr schnell gehen. Die Uhr tickt.