Wie ein Anwalt in Hannover gegen die Übernahme von Martin Kind kämpft

»Dann ist das der absolute Bruch!«

Seit dem Beginn von Kinds Amtszeit als Präsident von Hannover 96, im September 1997, wurde über Jahre hinweg ein kompliziertes Organisationsgeflecht, bestehend aus verschiedenen Abteilungen mit unterschiedlichen Rechtsformen, geschaffen. Wie mittlerweile auch die meisten anderen Bundesligisten hat Hannover seine Profiabteilung aus dem eingetragenen Verein ausgegliedert. »Diesen Schritt kann ich irgendwie sogar nachvollziehen. Gerade wegen der Frage nach der Gemeinnützigkeit bei den Bundesligisten«, sagt Hüttl, während er sich an seinem weißen Kinnbart kratzt. Genaugenommen müssten die Profis also mit dem klangvollen Namen »Hannover 96 GmbH & Co. KGaA« auflaufen. Machen sie natürlich nicht, hört sich ja doof an.

Damit der Lizenzfußball nicht vom Stammverein abgetrennt wird, gilt in Deutschland immer noch die 50+1-Regel, die in der Satzung der Deutschen Fußball Liga verankert ist. Sie besagt, dass der Verein »über 50 Prozent der Stimmenanteile zuzüglich mindestens eines weiteren Stimmenanteils in der Versammlung der Anteilseigner« verfügen muss. Damit haben Mitglieder des Vereins weiterhin das letzte Wort.

»Ich empfehle daher den Fortfall dieser Regelung«

Vereinspräsident Martin Kind glaubt, dass der Wettbewerb verzerrt wird und Investoren vor Investments zurückschrecken. Kind ist selbst Unternehmer, er will auch bei 96 endgültig alleine die Zügel in der Hand halten. Anfang des Jahres sagte er auf einem Sportkongress: »Rechtlich hat die 50+1-Regel keine Zukunft«. Und weiter: »Die 50+1-Regel verzerrt den Wettbewerb. Ich empfehle daher den Fortfall dieser Regelung.«

Dafür nutzt er eine Ausnahmeregel, die ursprünglich nur für die Werksvereine Leverkusen und Wolfsburg geschaffen wurde. Sie besagt, dass die Vereine trotz ihrer Investoren eine Lizenz für den Spielbetrieb in der Bundesliga erhalten, da diese seit mehr als zwanzig Jahren im Verein engagiert sind.

»Dann ist das der absolute Bruch«

Kind zog vor ein Schiedsgericht und siegte. Durch diese Entscheidung konnte bereits SAP-Gründer Dietmar Hopp die Mehrheit der Stimmenanteile in Hoffenheim übernehmen. Kind sieht sich seit Beginn seiner Präsidentschaft 1997 als Förderer des Vereins und damit berechtigt, nach 20 Jahren, also im September 2017, die Ausnahmeregelung zu beanspruchen und damit 50+1 in Hannover zu kippen. Heißt: Martin Kind hat das Sagen in Hannover. Wie jetzt schon. Also: Was wäre so schlimm daran? Auf Twitter kommentierte Hüttl: »Das Ende einer 121-jährigen Vereinsgeschichte.« In seiner Kanzlei wird er laut: »Wenn das alles so durchgeht, dann ist das der absolute Bruch!«


Foto: Jewgeni Roppel

Bei den wirklich ernsten Themen verlässt Hüttl die Komfortzone seines zurückkippenden Bürostuhls. Er setzt sich dann frontal seinem Gesprächspartner gegenüber, legt seine Arme über Kreuz auf den Tisch und blickt eindringlich aus seinen dunkelblauen Augen, die durch die Brille noch vergrößert werden. So sind auch das große »H« auf dem silbernen Manschettenknopf oder das geschwungene »A« am unteren Ende der blauen Krawatte zu erkennen.