Wie ein Anwalt in Hannover gegen die Übernahme von Martin Kind kämpft

Der Hörgeräteunternehmer gegen den Hünen in Robe

Heute kann er sich vor Aufträgen kaum retten. Von rund 350 Fällen, die er im Jahr bearbeitet, haben etwa 150 Bezug zum Fußball. Denn heute sind es vor allem die Ultras, die regelmäßig mit Polizei, Behörden und Vereinen aneinandergeraten. »Die sind kritischer und lassen sich nicht alles sagen«, meint der Jurist. Er ist spezialisiert auf das Strafrecht: einfache und gefährliche Körperverletzung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, Landfriedensbruch oder Verstöße gegen das Sprengstoffgesetz. Ein dicker Katalog. Und die Fälle sind knifflig.

Als Beleg zeigt Hüttl ein Video aus der vergangenen Saison. Zu sehen sind Oldenburger Fans auf dem Weg zum Auswärtsspiel beim SV Meppen in der Regionalliga Nord. Im beiliegenden »Videoauswertebericht« der Polizei wird der Clip detailliert dokumentiert. Fans zeigen Stinkefinger in Richtung der Polizei, sie treten gegen die Ordnungshüter, die Situation wird unübersichtlich. Nicht im Bericht dokumentiert, dafür aber gut zu sehen: Ein satter Schlagstockhieb auf einen Anhänger. Er kniet, hebt die Arme. Szenen wie diese machen Hüttl wütend. Er würde wohl gerne auch den Polizisten zur Rechenschaft ziehen. Das kann er aber nicht, der Beamte ist auf dem Video nicht zu identifizieren.

Der Hörgeräteunternehmer gegen den Hünen in Robe

Abzuwarten bleibt, ob jene Hannoveraner zu identifizieren sein werden, die bei einem Testspiel im altehrwürdigen Turf Moor in Burnley einen Spielabbruch provozierten, indem sie die Heimfans angriffen, Sitzschalen nach ihnen warfen und offenbar auch eine Polizistin leicht verletzten. Hannover 96 hat Strafanzeige gegen Unbekannt erstattet. Die Botschaft des Vereins: »Wer Gewalt, egal in welcher Form, ausübt, hat bei 96 nichts zu suchen.«

Nur wenige kennen die Fanszene bei 96 so gut wie Hüttl. An der Wand hängt der aktuelle Fan-Kalender der Ultras, auch er ein Geschenk. Der Anwalt ist in Hannovers Fußballszene bestens vernetzt. Er hat Abstiege bis in die Regionalliga und Wiederaufstiege bis in den Europapokal erlebt. Wie zum Beweis hängt an der Wand ein kleines Foto, das ihn mit zwei Ikonen der jüngeren und erfolgreicheren Vergangenheit, Steven Cherundolo und Altin Lala, zeigt.

Hüttl hat auch den Aufstieg des Vereinspräsidenten Martin Kind erlebt, an dem sich die Fußballgeister so sehr scheiden wie sonst vielleicht nur bei den Reizthemen TSG Hoffenheim oder FC Bayern. Denn Kind möchte die 50+1-Regel kippen, und so hat das, was in Hannover gerade passiert, Symbolcharakter für den Rest des Landes. Auf der einen Seite steht der Investor Kind, auf der anderen Hüttl. Der hagere Hörgeräteunternehmer gegen den Hünen in Robe.