Wie ein Anwalt in Hannover gegen die Übernahme von Martin Kind kämpft

Liebling Hannover

Seit dieser Woche ist klar, dass sich die Einverleibung von Hannover 96 für Martin Kind noch ein wenig ziehen könnte. Was die Mitglieder freut, die sich nicht mit der kalten Enteignung abfinden wollen. Für sie kämpft Rechtsanwalt Andreas Hüttl.

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Der Artikel erschien erstmals im September 2017.

Sechs gegen sechs. Ohne Rücksicht auf Verluste stürmen die teils vermummten Personen aufeinander los. Blut spritzt. Im orangen Licht der untergehenden Sonne wehen links rote und rechts lila Fahnen. Klingt ein wenig nach der Schlussszene aus »Green Street Hooligans«. Und vermutlich ist das auch ein gängiges Bild, das viele Stadionbesucher nicht nur von den Hooligans, sondern auch von Ultras haben. Es ist allerdings kein realer Straßenkampf zwischen Fußballfans – dabei wären auch Speere etwas ungewöhnlich. Die Szene ist auf dem großen Gemälde im Büro des Anwalts Andreas Hüttl festgehalten. Es ist ein Geschenk eines Mandanten. Ein Symbol für das Hauen und Stechen in der Strafjustiz.

Links daneben sitzt Hüttl in seinem ledernen Schreibtischstuhl. Das Fenster ist geöffnet, in der linken Hand glimmt eine Zigarette vor sich hin. Keine Zeit zum Rauchen, am Telefon spricht ein Mandant. Hüttls Stimme ist fest wie sein Händedruck, alles andere wäre bei diesem Hünen aber auch eine Enttäuschung. Sein Büro liegt unweit des Hauptbahnhofs von Hannover, regelmäßig sind die einfahrenden Züge zu hören. Aber Hüttl mag den Blick auf die Bahngleise: »An den Spieltagen kann ich sofort sehen, mit wie vielen Leuten die Auswärtsfans ankommen.«

Da spricht der Fan im Anwalt. Fein säuberlich hängt seine schwarze Robe auf dem Kleiderständer in der Ecke, der Name ist in goldener Schrift darin eingestickt. Darüber prangt ein Seidenschal vom »Hannoverschen Fußball-Club von 1896«. Mit dem alten Wappen. Darunter das Gründungsdatum, der 12. April 1896. »Das Datum vergesse ich nicht, meine Mutter feiert am gleichen Tag im Jahr Geburtstag«, sagt Hüttl.

Wie geht es weiter mit der 50+1-Regel?

Ein Anwalt für Fan-Angelegenheiten? Das mag für Außenstehende seltsam klingen. Doch seit Sommer 2017 lodert der Konflikt zwischen Fans auf der einen, Verbänden, Vereinen und Polizei auf der anderen Seite. Einer der Mittelpunkte der Auseinandersetzung: Hannover. Es geht um Fan-Gewalt, Stadionverbote oder Polizeiwillkür. Aber vor allem wird dieser Tage hier eine der wichtigsten Fragen des deutschen Fußballs verhandelt: Öffnen sich die Vereine für Investoren oder nicht? Wie geht es weiter mit der 50+1-Regel? Hüttl hat so viel zu tun wie noch nie.

Andreas Hüttl wurde vor 50 Jahren in Hannover geboren. Schon in seiner Jugendzeit, in den siebziger und achtziger Jahren, schepperte es in den Kurven der deutschen Fußballstadien. Doch damals wäre keiner auf die Idee gekommen, einen Fan-Anwalt einzuschalten. Anders sah es aus, als Hüttl 1999 sein Jura-Studium abschloss und sich selbständig machte. Er stellte sich die Frage: Woher bekomme ich jetzt Mandanten? Die Antwort lag nicht auf, aber neben dem Platz.