Wie ein Amateur seinen Traum verwirklichte - und Joey Barton blamierte

Traumtänzer

In England hat erstmals überhaupt ein Fünftligist das FA-Cup-Viertelfinale erreicht. Richtig wild wird die Geschichte durch Pokalheld Sean Raggett, der einst vom Duell mit Vorzeigerüpel Joey Barton träumte. Und im Spiel gegen Burnley endlich seine Chance bekam. 

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Am 13. Mai 2012 hatte Joey Barton mal wieder einen ganz normalen Tag im Büro. Zuerst schlug er Carlos Tevez den Ellbogen ins Gesicht. Als ihm die Kollegen des Argentiniers deswegen die Meinung sagen wollten, trat er einen von ihnen, Sergio Agüero, kurzerhand um und verpasste einem anderen, Vincent Kompany, einen Kopfstoß. Zwei Mitglieder des Trainerteams mussten Barton nach der fälligen Roten Karte vom Platz führen, sonst hätte er wahrscheinlich auch noch die restlichen acht Spieler von Manchester City tätlich angegriffen.

In den Tagen danach beherrschten Bartons Eskapaden die Schlagzeilen. Der Verband sperrte ihn für zwölf Spiele und brummte ihm eine Geldstrafe von 75.000 Pfund auf. Doch bald wurde er schon wieder auffällig: Anfang Juni nahm die Polizei Barton wegen seiner Beteiligung an einer Kneipenschlägerei fest. Wenige Tage später begann die EM 2012, natürlich ohne Barton, den Kapitän des Fastabsteigers Queen’s Park Rangers. Am 9. Juni beschwerte er sich darüber in einem seiner zahllosen Tweets: »Jeder denkt es, ich spreche es aus: Liverpool hatte eine schlimme Saison, trotzdem stehen sechs Liverpool-Spieler im EM-Kader. Welche Chance haben wir da noch? Stellt nach Form auf!«

Eines Tages gegen Joey Barton spielen

Im weit entfernten Dover, an der englischen Südküste, las ein junger Nachwuchsspieler namens Sean Raggett diesen Tweet und ärgerte sich. Raggett spielte als Verteidiger für Dover Athletic in der National League South, sechs Ligen unter Joey Barton und den Queen’s Park Rangers. Aber Raggett war erst 18 Jahre alt und hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben, Profifußballer zu werden. So setzte er sich an den Computer und verfasste folgenden Tweet: »Ich hoffe, dass ich eines Tages mal gegen Joey Barton spielen kann.« Dahinter setzte er zwei Hashtags: »Dream«, also Traum, und »Knee high tackles«, was so viel wie Blutgrätschen bedeutet. Mit anderen Worten: Raggett träumte davon, Barton mal so richtig zu zeigen, was er von ihm hielt. Nämlich nichts.

Raggett musste fünf Jahre warten, dann bekam er seine Chance. Am vergangenen Samstag trat er im Achtelfinale des englischen Pokals mit Lincoln City, einem halbprofessionellen Klub aus der fünften Liga, beim FC Burnley an, dem Tabellenzwölften der Premier League. Das allein war schon eine großartige Leistung. Seit dem Ende des Krieges sind nur zwölf so genannte »Non-League-Teams« – also Mannschaften, die nicht zu den 92 Vollprofiklubs gehören, die in den obersten vier Ligen spielen – jemals im Pokal so weit gekommen. Ins Viertelfinale schaffte es keine von ihnen.

Manchmal liest man, dass die Queen’s Park Rangers es waren, denen zuletzt das Kunststück gelang, als »Non-League-Team« unter die letzten acht zu kommen. Doch erstens ist das 103 Jahre her, zweitens hinkt der Vergleich mit Teams wie Lincoln City gewaltig. Im Jahre 1914 spielte QPR nämlich Profifußball in der dritten Liga und galt nur deswegen als »Non-League-Team«, weil die beiden obersten Spielklassen noch nicht expandieren wollten.