Wie Domenico Tedesco Peter Bosz in nicht mal einer halben Stunde auscoachte

27 Minuten Wahnsinn

4:0. Dann 4:4. Wie zum Geier konnte das passieren? Die zweite Halbzeit des spektakulärsten Revierderbys der vergangenen Jahrzehnte in der Analyse.

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Ein Fußballspiel dauert zweimal 45 Minuten. Das wusste schon Sepp Herberger. In Wahrheit wird aber nie 90 Minuten lang Fußball gespielt. Ausbälle, Torjubel, Auswechslungen: Die effektive Spielzeit ist wesentlich kürzer als 90 Minuten.

Die zweite Halbzeit des Revierderbys am vergangenen Samstag war ein besonders kurzes Vergnügen. Nur 27 Minuten lang war der Ball im Spiel, und das bei einer stolzen Brutto-Spielzeit von knapp 54 Minuten. Diese 27 Minuten aber werden in die Geschichte der Bundesliga eingehen. 4:0 hatte der FC Schalke zur Pause hinten gelegen, 4:4 stand es am Ende. Was ist in diesen 27 Minuten geschehen, dass so etwas möglich war? Ein Drama in vier Akten.

Prolog: Die erste Halbzeit
Wie war es überhaupt dazu gekommen, dass Schalke einen 4:0-Rückstand aufholen musste? Peter Bosz hatte seinen Trainerkollegen Domenico Tedesco genarrt. Tedesco stellte nach dem Spiel offen fest, dass er mit der taktischen Variante der Dortmunder nicht gerechnet hatte.

Bosz stellte seine Dortmunder nicht in seinem favorisierten 4-3-3-System auf, sondern setzte auf eine 3-4-3-Variante. Die drei vorderen Akteure - Mario Götze, Andriy Yarmolenko und Pierre-Emerick Aubameyang - suchten immer wieder die freien Räume hinter Schalkes Mittelfeld. Dieses rückte aggressiv heraus, um Dortmunds Doppelsechs zu pressen. Schalke bekam keinen Zugriff.

Akt 1: Die Umstellung
Zur Pause stellte Tedesco seine Mannschaft um. Bereits in der ersten Halbzeit hatte er zweimal gewechselt und u.a. Leon Goretzka ins Spiel gebracht. Nach der Pause stellte er vom angestammten 5-3-2-System auf ein 3-4-3 um. Die Außenverteidiger schoben merklich weiter vor, die Außenstürmer positionierten sich in den Halbräumen.

Vor allem aber änderte Tedesco den strategischen Kurs. Statt darauf zu setzen, weitere Gegentore zu verhindern, übernahmen seine Schalker die Initiative. Sie setzten nicht mehr auf Konter, überließen Dortmund nicht mehr den Ball. Die Dreierkette fächerte breit auf, ließ den Ball laufen. Dortmund zog sich mit der Führung im Rücken etwas weiter zurück. Plötzlich sammelte Schalke Ballbesitz; die Statistik weist für Schalke 70 Prozent Ballbesitz nach der Pause aus.