Wie Djibril Cissé mit künstlicher Hüfte in der Schweiz den Neuanfang wagte

Lieblingsauto? Ein Plymouth Prowler

Je öfter man hört, was für ein feiner und normaler Kerl Cissé doch sei, ob von seinen Mitspielern, ob vom Pressemann Steven Guignard oder vom Präsidenten Di Pietrantonio, desto stärker wundert man sich, warum es so kompliziert ist, ihn persönlich zu sprechen. Und warum Cissé jetzt, als Yverdon den Sieg im Spitzenspiel kurz vor Schluss eintütet, der einzige seiner Jungs ist, der nicht vor Freude durchdreht.

Beim Stand von 1:1 in der 95. Minute – Cissé sitzt da schon tor- und regungslos auf der Bank – entscheidet die Schiedsrichterin zu Unrecht auf Elfmeter. Yverdon trifft, trifft beim letzten Konter aufs verwaiste Tor gleich noch einmal und gewinnt mit 3:1. Die Gegner pfeffern Schienbeinschoner Richtung Auswechselbank, gehen auf die Schiedsrichterin los, seine Mitspieler stürmen jubelnd über den Platz. Cissé steht langsam auf, schreitet noch langsamer an die Seitenlinie und klatscht sachte, als sei der Akku fast alle, Applaus. 


Foto: Julian Baumann

Lieblingsauto? Ein Plymouth Prowler

Als er aus der Dusche kommt, ist auf dem Gang endlich Zeit für ein paar Fragen. Er spricht nicht unhöflich, aber im zackigen und wenig eleganten Französisch des Südens. Und so, wie er seine Tore schießt: direkt, ohne Schnickschnack. Was auf diesem Niveau die größte Umstellung sei? Er habe viel weniger Druck. Wie es der Hüfte gehe? Alles super, kein Problem.

Ob er sich noch wie früher, als Knirps, jedes Trainingstor im Notizblock eintrage? Nein, das nicht, aber aktuell stehe er bei 16 Ligatreffern, da zähle er mit. Sein derzeitiges Lieblingsauto? Er lächelt, zum ersten Mal. »Ein Plymouth Prowler. Den habe ich seit Kurzem. Das ist ein kleiner, amerikanischer Sportwagen. Echt ganz nett.« Und zum Schluss, nach knapp sieben Minuten, Cissé wird langsam ungeduldig: Warum er überhaupt in Yverdon spiele? »Das ist doch nicht so schwer zu verstehen. Ich habe mein Leben lang Fußball gespielt und liebe diesen Sport. Ob die Menschen es glauben oder nicht: Ich mache das hier zum Vergnügen.«

Er steht vor der angeranzten Kabine, nebenan zerquetscht der plötzlich gelöste Präsident das 19-Jährige Talent aus der eigenen Jugend fast vor Stolz, ein Ersatzspieler mit hängender Hose schlurft am ehemaligen Weltstar vorbei, das geöffnete Bier schon in der Hand. Dann steht er auf und rauscht davon. Er müsse noch nach Paris, eine seiner Familien warte. Wirklich vergnügt wirkt er nicht. Aber er hat ja auch kein Tor geschossen.


Die Reportage erschien im April 2018. Mittlerweile ist die Saison in der Schweiz vorbei. Yverdon ist nicht aufgesteigen. Cissé wurde aber mit 24 Treffern Torschützenkönig.