Wie Djibril Cissé mit künstlicher Hüfte in der Schweiz den Neuanfang wagte

»Seiner Hüfte geht es gut«

Jetzt sitzt der Präsident auf der Tribüne, wo es bald moderne Sitzschalen statt Holzbänken geben soll, und vergräbt die Hände in der dicken Winterjacke, die seinen schmalen Oberkörper umpolstert wie ein gigantischer Schwimmflügel. Mit versteinerter Miene schaut er Cissé und seinen Kollegen dabei zu, wie sie gegen Breitenrain ihre letzte Chance auf den Aufstieg wahren wollen.

Würde man, statt dem Spiel zu folgen, 90 Minuten auf ihn blicken, man würde nie erfahren, ob Yverdon gewinnt oder verliert. Manchmal bewegt er sich. Minimal. Dann nimmt er die Hände aus den Taschen und verschränkt sie vor der Brust. Um ihn herum hat sich die Tribüne nur spärlich gefüllt, junge Männer mit Caps, alte Männer mit Hüten, mittelalte Frauen mit Stiefeln.

Wenn Cissé, wie kurz nach Anpfiff, einen indirekten Freistoß aus sechs Metern volle Möhre in die Mauer donnert, grummeln sie. Wenn der Linksaußen – Cissés Schwager und auf Empfehlung von Cissé im Winter verpflichtet – Tempo macht, legen sie die Handys kurz beiseite. In der ersten Halbzeit behalten sie die Handys oft in der Hand. Cissé kommt auf neun Ballkontakte, davon drei Abschlüsse. Das Highlight? Cissés persönliche Ultra-Truppe – die knapp 15 angeheiterten Männer der »Section Lac«.


Foto: Julian Baumann

»Seiner Hüfte geht es gut«

Die zu Spielbeginn ihr Banner ausrollen, auf dem der Titel von Cissés Autobiografie steht: Un lion ne meurt jamais, ein Löwe stirbt nie. Die allerdings noch übertroffen werden von dem einen, einsam hinterm Tor stehenden Breitenrain-Auswärtsfahrer. Der in Konkurrenz zu den Cissé-Rufen tapfer und inklusive Dudelteil »The lion sleeps tonight« in sein Megafon singt. Und damit die Sorgen untermalt, die man sich ohnehin schon um Cissé macht, wann immer der im Zweikampf fällt: So viele schwere Muskeln, so eine künstliche Hüfte.

»Seiner Hüfte geht es gut«, sagt der Präsident in der Halbzeit, »sonst hätte er nicht wieder angefangen.« Doch er fing wieder an, auch weil Di Pietrantonio zusammen mit drei weiteren Sponsoren aus der Region persönlich für sein Gehalt aufkommt. 21 800 Schweizer Franken sollen es im Monat sein, dazu eine Wohnung in Lausanne, ein Auto und eine Tankkarte. »So was in die Richtung«, sagt Di Pietrantonio und grinst verschlagen.

Aber ums Geld sei es Cissé nie gegangen. Als sich die beiden im Sommer 2017 kennenlernten, habe Di Pietrantonio ihn aus Jux gefragt, ob er nicht wieder einsteigen wolle, bestenfalls bei Yverdon. Cissé antwortete: »Warum nicht?« Damit war die Sache durch. Auf den Medizincheck verzichtete der Verein. Die Meldung schwappte durch die Medien, erst durch den Kanton, dann durch die Schweiz und später durch ganz Europa. Als die Kamerateams am Spielfeldrand auf das erste Training von Cissé warteten, da sei die Sache mit dem Helikopter passiert.

Um pünktlich zu kommen, nahm er den Hubschrauber

»Wir standen im Stau, und Djibril wollte auf keinen Fall zu spät kommen. Vor allem wegen der neuen Kollegen. Ich kenne zufällig jemanden, der einen Helikopter besitzt. Also haben wir uns kurzfristig für diese Lösung entschieden.« Um pünktlich zu kommen, und, nun ja, nicht abgehoben zu wirken, nahm Cissé den Hubschrauber. Die Journalisten rieben sich die Hände: 50-Millionen-Mann in Yverdon gelandet.

»Natürlich verdient er mehr als wir. Viel mehr. Aber in der Kabine ist das kein Thema, er ist ein stinknormaler Mitspieler. Außerdem hat es auch seine Vorteile, mit einem wie ihm zu spielen.« Florian Gudit sitzt nach dem Spiel im Vereinsheim und krempelt seine Trainingshose hoch. Der 24-jährige Mittelfeldspieler ist seit Jahren eine Stütze von Yverdon, bis zum Sommer war er Kapitän. Er hat Probleme, die enge Hose über seine aufgepumpten Waden zu wickeln, er müht sich regelrecht ab, aber das müsse jetzt sein.

Als er es endlich geschafft hat, erscheint oberhalb seines Knöchels eine Tätowierung: das Liverpool-Wappen. »Ich war immer ein großer Fan. Im Sommer, kurz nachdem Djibril bei uns anfing, verletzte ich mich schwer am Knie. Als ich der Mannschaft davon erzählte, hatte ich ein paar Stunden später eine Nachricht bei Whatsapp.« Es war eine Videobotschaft von Steven Gerrard. Er wünschte ihm gute Besserung, er nannte ihn beim Vornamen. »Steven Gerrard kennt meinen Namen!« Das habe Djibril organisiert, genau wie er die ganze Mannschaft im August zu seinem Geburtstag einlud. Ins »Mad«, einen Club in Lausanne, wo der Franzose manchmal auflegt und wo der Pastis deutlich teurer ist als im Vereinsheim. Die Rechnung damals sei komplett auf ihn gegangen. Ein feiner Kerl sei er, der Djibril.