Wie Djibril Cissé mit künstlicher Hüfte in der Schweiz den Neuanfang wagte

»Für Yverdon gibt es kein Limit«

Vor dem Spiel hockt er im Kreis seiner Kollegen, die nicht mehr Steven Gerrard heißen oder Thierry Henry, sondern Bruno Caslei oder Aurélien Chappuis und die tagsüber für Versicherungen vorm Rechner sitzen oder einen Bachelor machen. Im Vereinsheim von Yverdon-Sport isst er einen Teller Nudeln. Es ist Samstagmittag, in zwei Stunden steigt das Spitzenspiel gegen Breitenrain Bern. Dritter gegen Vierter, im etwas maroden Stade Municipal, flankiert von Bahnhof, See und den Bergen.

Im Vereinsheim ist es düster, Deckenhöhe 2,20 Meter. Cissé geht hier gebückt. An der Wand kleben verwelkte Din-A4-Blätter mit angetrockneten Kaffeerändern, darauf Getränkeangebote, Pastis für vier Franken. Die Tischplatten kleben vom Fett der vergangenen 40 Jahre, um die Mannschaft herum sitzen wartende Eltern von Kindern, die nach ihrem E-Jugend-Spiel noch trödeln unter der Dusche.

Und Männer, die aus kleinen Gläsern ihr Vormittagsbier trinken. Vielleicht das erste, vielleicht das vierte. Ein paar Knirpse wuseln herum, was der Grund dafür sein muss, dass sich die Alten das Rauchen verkneifen. Auf einem Kühlschrank steht eine Stereoanlage, die nicht angeschlossen ist, auf der Anlage verstaubt ein Pokal ohne Deckel. Das alles hat nicht viel mit professionellem Fußball zu tun. Und es ist wunderschön.

Cissé ist nicht greifbar

Mittendrin sitzt ein Mann, der von Privatsponsoren bezahlt wird und ein Vielfaches von dem verdient, was seine Mitspieler bekommen. Der zum ersten Training vom Klubpräsidenten per Hubschrauber eingeflogen wurde. Der zu seinen besonders schrillen Zeiten 15 Autos gleichzeitig besaß und in einem knallroten Anzug heiratete.


Foto: Julian Baumann

Und der über die Pressestelle – die in Wirklichkeit Steven Guignard heißt und halb so alt ist wie Cissé – vorab ausrichten ließ, dass er vielleicht 15 Minuten Zeit hätte für ein Gespräch. Nach dem Spiel. Allerhöchstens. Besser wären zehn. Man könnte ihn zwar einfach ansprechen hier und jetzt, er sitzt ja nur sieben Meter entfernt und isst Nudeln, aber nachher bekäme die Pressestelle Ärger, und das wünscht man Steven Guignard nun wirklich nicht.

Cissé ist nicht greifbar. Und wirkt in diesem Vereinsheim trotz seines grau gefärbten Iros und trotz der vielen Tattoos nicht wie ein Popstar. Der Ort nimmt ihm den Mythos. Er zerrt ihn vom Podest. Hier ist er, da kann er machen, was er will, einfach nur der Djibril. »Er ist ein ganz normaler Spieler«, sagt die junge Frau, die in enger Jeans und schulterlosem Top hinter der Theke steht und ein Bier zapft. »Außer, dass er in jedem Spiel ein Tor schießt.«

»Für Yverdon gibt es kein Limit«

Dass Cissé für Yverdon allein bis zur Winterpause schon 15 Mal traf, hat sehr viel mit Mario Di Pietrantonio zu tun. Der ist seit vier Jahren Vereinspräsident, und wenn es nach ihm geht, dann ist die Sache mit Cissé nur der Anfang. Spricht man ihn auf seinen Klub an, sagt er Sätze wie »Für Yverdon gibt es kein Limit« oder »Machen Sie sich keine Sorgen, ich habe noch zwei, drei gute Ideen.«


Foto: Julian Baumann

Als der 53-Jährige kam, war Yverdon-Sport gerade bis in die vierte Liga durchgereicht worden und stand vor dem finanziellen Ruin. »Wenn ich den Klub damals nicht übernommen hätte, wäre hier alles den Bach runter gegangen.« Doch Di Pietrantonio, der fünf Minuten vom Stadion entfernt wohnt und sich als Immobilienmakler in der Region ein kleines Imperium geschaffen hat, übernahm. Er krempelte den Klub um, steckte Geld in die Jugendabteilung, verschliss drei Trainer und stritt sich so lange mit der Stadt, bis die dem Umbau des denkmalgeschützten Stadions für das Jahr 2019 zustimmte.

Denn Di Pietrantonio, seit der Kindheit Fan des Vereins, will endlich wieder nach oben. Dorthin, wo Yverdon schon mal war, Ende der Neunziger. Damals führte ein junger Trainer den Klub sensationell in die erste Liga und dort im ersten Jahr sogar auf Platz fünf. Sein Name: Lucien Favre. Seitdem stieg Yverdon ab und wieder auf und wieder ab. Dreimal.