Wie Djibril Cissé mit künstlicher Hüfte in der Schweiz den Neuanfang wagte

Mit Vergnügen

Djibril Cissé gewann mit Liverpool die Champions League und besaß 15 Autos gleichzeitig. Jetzt kickt er mit künstlicher Hüfte in der dritten Schweizer Liga. Warum tut er sich das an?

Foto: Julian Baumann
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»Du hast ja recht, das war niemals ein Elfer«, sagt Djibril Cissé, »aber du musst runterkommen, sonst wirst du gesperrt.« Er legt seinem Gegenspieler beruhigend eine Hand auf die Schulter. Noch vor wenigen Sekunden hätte dieser der Schiedsrichterin beinahe eine verpasst, jetzt stehen sich die beiden Spieler nach Abpfiff im düsteren Kabinengang von Yverdon-Sport gegenüber. Cissé, der Weltstar mit Transfererlösen von 50 Millionen Euro, und der andere Mann, ausrasierter Nacken, Bauchansatz, namenlos.

Für einen kurzen Moment sind sie großer und kleiner Bruder, verdrahtet durch das gemeinsame Dasein als Drittligafußballer in der Schweizer Provinz. Verschwitzt, abgekämpft, dreckig vom kalten Matsch da draußen. Dann will sich der kleine Bruder rechtfertigen, doch er überlegt es sich anders. Seine Wut entweicht, man sieht das seinem Körper an, die Spannung fällt ab. Er greift nach Cissés Hand, zieht sich an ihn heran und legt ihm sachte die eigene Stirn auf die Brust. Es sieht aus wie: »Schön, dass du jetzt einer von uns bist.«

Er schoss Tore, wo auch immer sie ihn stürmen ließen

Yverdon-les-Bains liegt in der Westschweiz, 30 000 Einwohner, gefühlt nicht viel weniger Porsche-Cayenne, man kann in der Therme baden oder im See, sehr oft über den sehr kleinen Marktplatz spazieren und am Abend im Bowlingcenter einen bunten Cocktail trinken. Oder man kann dabei zugucken, wie Djibril Cissé in der dritten Schweizer Liga für Yverdon-Sport alles kurz und klein schießt. Und sich fragen, warum er das macht. Also Cissé.

Denn eigentlich muss der Mann niemandem etwas beweisen. Er hat sich in seiner Karriere mit Liverpool 2005 den wunderlichsten Champions-League-Triumph von allen erkämpft. Er behielt im Elfmeterschießen gegen den AC Mailand die Nerven. Er durfte für Frankreich auf dem Platz stehen, immerhin 41 Mal, manchmal sogar mit Zinédine Zidane zusammen. Er schoss Tore, wo auch immer sie ihn stürmen ließen, ob in Auxerre, Liverpool, Marseille oder Athen. Warum also Yverdon-les-Bains?

Warum tut er sich das an? 

Warum zurückkehren aus dem fußballerischen Ruhestand, den er im Oktober 2015 verkündet hatte? Der sich, so behauptet es Cissé zumindest in Interviews, als DJ von Mariah Carey oder als Tänzer bei »Let’s Dance« finanziell viel mehr lohnte als das hier. Zumal sein Körper doch eigentlich längst hinüber ist. Gegnerische Verteidiger brachen ihm das Schien- und Wadenbein. Zweimal. Die Knochen wurden geflickt. Die rechte Hüfte nahmen die Ärzte ihm gleich ganz und ersetzten sie mit einer Keramikprothese.


Foto: Julian Baumann

Und trotzdem schleppt er sich an diesem schmuddeligen März-Tag im Nieselregen von Yverdon vor 335 Zuschauern über einen glitschigen Rasenplatz. Wirft sich hier und da in Kopfballduelle und schirmt mit seinem furchterregend breiten Kreuz Bälle ab, so dass die Innenverteidiger an seinem Rücken zerbröseln wie Kekse. Er schreit schrill, wenn ein Pass ihn nicht erreicht, er hebt verständnislos die Arme, wenn die Flanken zu flach oder zu hoch geraten, was in der dritten Schweizer Liga recht häufig passiert. Warum tut er sich das an?

Weil er, der sich als Knirps in seiner Heimatstadt Arles jedes Trainingstor ins Notizheft eintrug, um am Monatsende auf 150 Buden zu kommen, die Bestätigung noch immer braucht wie der Streber die Eins in Mathe? Weil er, immerhin 36 Jahre alt und Vater von fünf Kindern in drei Ländern, ohne seine Tore bockig wird wie ein kleiner Junge? »Erst wenn ich diese Gier tief in mir drinnen nicht mehr spüre, höre ich wirklich auf«, sagt er später, als man ihn endlich sprechen darf.