Wie die WM ein ganzes Land verändert hat

Was wird von diesem Märchen bleiben?

Das Stadion in Sotschis Stadtteil Adler passt genau in dieses Bild. Es liegt direkt am Schwarzmeerstrand, hinter der Strandpromenade. Es ist umgeben von einer Art Disneyland, man kann hier auf Dosen werfen, »Hau den Lukas« spielen, neben dem Stadion steht ein absurdes Schlosshotel, das von lilafarbenen Lichtern angestrahlt wird. Die Kinder toben herum, die Eltern entspannen sich zu Café-del-mar-Musik, die aus den Bar blubbert. In einer, »La Punto«, befand sich vor vier Jahren das Dopinglabor des Chemikers Grigori Rodtschenkow, heute trinkt man Getränke mit Namen wie »B-Probe« oder »Epo«. Es ist also alles ein bisschen drüber, ein bisschen zu sehr Event. So muss sich der Gott des modernen Fußballs eine Arena vorgestellt haben. Und natürlich kann man das grauenvoll finden, aber nach bleiernen und hässlichen Jahren ist es vielleicht die einzige Möglichkeit, die Menschen in Russland zurück zum Fußball zu holen.

Abgezogene Soldaten

Es ist mittlerweile fast ein Uhr, auf einem Fernseher läuft die Wiederholung der Pressekonferenz. Russlands Coach Stanislaw Tschertschessow wird von den einheimischen Reportern mit Applaus empfangen. Sie wollen über das Sommermärchen sprechen. Über dieses neue Gefühl im Fußball, das sich Glück nennt. Tschertschessow aber sagt nur: »Wir fühlen uns wie Soldaten, die zu früh abgezogen wurden.«

Draußen geht die Party weiter. Auch zwei Stunden nach Spiel singen die Menschen an der Promenade immer noch. Ein paar haben sich einen Plastik-WM-Pokal gekauft, den Händler an der Promenade anbieten. Weltmeister der Herzen. Dimitri, der Fan von ZSKA ist auch noch da. Neben ihm seine Frau und der Sohn, elf Jahre alt. »Müde«, sagt sie. Aber es sei gerade so schön. »Diese WM hat die Menschen miteinander versöhnt.« Sonst, sagt Dimitri, sei es in Russland nämlich so, »Zwei Leute sind okay, drei und vier auch, aber sobald mehr als fünf Leute zusammenkommen, ist Stress vorprogrammiert. Diesmal standen Millionen zusammen, und es war okay.«

Lieder über Liebe

Vielleicht wird diese Stimmung nach der WM ein paar Wochen oder Monate anhalten, vielleicht sogar länger. Vielleicht gehen Dimitri und sein Sohn mal wieder zu einem Spiel. Vielleicht bricht aber auch alles wieder zusammen, wenn der Fifa-Zirkus das Land verlassen hat. Wer kann das jetzt schon sagen? Denn jetzt fühlt sich das nahende Ende der WM wie eine ferne Zukunft an. Jetzt singen sie wieder. Die Siege gegen Saudi-Arabien und Ägypten, die Sensation gegen Spanien. »Lasst uns ein Lied über Liebe schreiben.« Sie könnten jetzt schlafen gehen. Sie haben sich versöhnt. Zumindest für diesen endlosen Sommer.