Wie die Weltmeisterschaft aus Fan-Sicht ablief

Was geschah auf Russlands Straßen?

Kevin Miles war als Geschäftsführer der »Football Supporters Federation« mit der englischen Nationalelf durch Russland gereist. Auch die Fans der Three Lions, die eigentlich als sehr reisefreudig gelten, waren bei den Spielen oft in der Unterzahl. Das hätte verschiedene Gründe gehabt, sagte Miles, etwa die großen Distanzen zwischen den Spielorten, die hohen Kosten für Unterkünfte und Flüge. Und vielleicht beeinflusste auch ein wenig die negative Berichterstattung die Entscheidung der Fans. Vor Turnierstart konnte man in den britischen Medien beinahe täglich lesen, dass eine Reise zur WM riskanter sei als eine Partie Russisches Roulette. Überall Hooligans, überall Neonazis, überall Putins Schlägerschergen. »Es ist ganz anders hier, als sie uns erzählt haben«, sagte Miles schon beim zweiten Spiel gegen Panama. »Ich glaube, viele bereuen es, dass sie nicht gekommen sind.«

Party bis zum Morgengrauen

Denn die Fans, die da waren, berichteten fast nur Positives. Sie schwärmten von der Gastfreundschaft, dem guten Wetter, dem leckeren Essen. Von den Partys auf der Nikolskaya-Straße in Moskau, die bis in die frühen Morgenstunden dauerten. Besonders während der Vorrunde verwandelte sich die Hauptstadt in eine mehrwöchige Open-Air-Party, bei der die Mittel- und Südamerikaner den Ton angaben. Kolumbianer trugen Perücken von Carlos Valderrama, Argentinier tanzten auf den Gehwegen Tango, Mexikaner hüpften auch bei 30 Grad im Schatten mit Lucha-Libre-Masken durch die Stadt. Und mittendrin drehten auch Russen frei.

Einmal schnürten drei Fans eine alte Badewanne auf ein Autodach. Zwei setzten sich danach in den Wagen, und der dritte chauffierte sie so durch die Stadt. Niemand hielt sie auf. Die Polizisten schritten selbst dann nicht ein, wenn der Partymob noch nach 23 Uhr biertrinkend durch die Straßen zog. Sombreros statt Helme, Drumsticks statt Schlagstöcke. Es war ein endloser Sommer.

Demonstrationsverbot

Also war es wirklich alles ganz anders? Zumindest für die, die sich dauerhaft in diesem warmen Ring of Feier aufhielten. Abseits davon war es in Russland kalt wie eh und je. In Sankt Petersburg wurde ein Haus, in dem über Themen wie Homosexualität oder Rassismus diskutiert werden sollte, kurzerhand geschlossen. Und im Moskauer Kreml peitschte Präsident Wladimir Putin ein paar unliebsame Gesetze durch. Er setzte das Renteneintrittsalter nach oben und erhöhte die Mehrwertsteuer von 18 auf 20 Prozent. Dagegen protestieren? Ging nicht. In den WM-Austragungsorten herrschte in den vergangenen fünf Wochen ein Demonstrationsverbot.