Wie die Stasi die Karriere von Uwe Bardick zerstörte

Ein erledigter Fall

Uwe Bardick versuchte einen Anlauf von unten und wechselte zum Drittligisten Lokomotive Halberstadt. Dort versprachen sie dem mittlerweile 25-Jährigen, dass er seinen 18-monatigen Grundwehrdienst in der Nationalen Volksarmee quasi nebenbei ableisten dürfte. Doch nur wenige Tage nach seiner Ankunft stand ein Offizier vor ihm und erklärte, dass er nach Drögeheide verlegt würde, ein Örtchen kurz vor der polnischen Grenze. »Die Kaserne hatte den wahrscheinlich schlechtesten Ruf in der DDR. Dort waren 60 bis 80 Prozent der Soldaten vorbestraft«, sagt Bardick. Der Ton war hart, die Behandlung schikanös. An Weihnachten war den Rekruten die Heimfahrt zu den Familien verboten, es standen ihnen sowieso nur eine Handvoll Urlaubstage pro Jahr zu. Bardick war verzweifelt und wurde es noch mehr, als seine Verlobte ihn verließ. »Im Winter, wenn ich mit einer Kalaschnikov bei Eiseskälte an der Grenze patrouillierte, dachte ich häufig: Halt sie dir doch an den Schädel und drück ab. Dann verließ mich aber der Mut.«

Bei Wetterwechsel schmerzt der Ellenbogen

Immer wieder schwirrten ihm die Worte des Offiziers im Kopf herum, der bei seinem Abschied aus Halberstadt gesagt hatte: »Ich kann nichts machen. Ihr Fall ging über den Tisch von Erich Mielke.« Welcher Fall?, fragte sich Bardick und kam zu dem Schluss, dass man ihn mit der Stationierung in Drögeheide bestrafte, weil er sich geweigert hatte, in der zweiten FCM-Mannschaft zu spielen. »Dass ich ein ›Fall‹ des MfS geworden war, hätte ich nie geahnt«, sagt er.

Heute lebt Uwe Bardick in Essen. Am Ellenbogen hat er gelegentlich noch Schmerzen. Beim Wetterwechsel ist das Ziehen besonders stark. Der Fall ist für ihn auch 25 Jahre später nicht erledigt. Er will wissen, wer ihn damals beschattet hat. Auch deshalb sucht er sein Gedächtnis minutiös ab. Bardick erinnert sich etwa, wie ein Mitspieler, zu dem er zuvor kaum Kontakt hatte, sich wenige Tage nach dem Stich sehr stark aufdrängte. Vor einiger Zeit sah Bardick ihn auf einem Amateurplatz wieder – der vermeintliche Freund rannte weg.

»Vielleicht ist die Stasi noch im Untergrund aktiv«

Manchmal hat Bardick noch Angst, vor Ärzten und vor den Männern, die in seinen Akten IM-Tarnnamen tragen. »Vielleicht ist die Stasi noch im Untergrund aktiv«, sagt er. Erst kürzlich hat Bardick wieder Dokumente von der Gauck-Behörde erhalten, doch es gibt keine neuen Informationen. Die »Operation Trennung« schließt immer noch mit dem Eintrag: »Es wurde Einfluss darauf genommen, dass der Bardick, Uwe wegen mangelnder sportlicher Leistungen aus der Oberligamannschaft ausdelegiert und zur NVA einberufen wird. Eine erneute Bestätigung für NSW-Reisen sollte erforderlichenfalls gründlich geprüft werden.« Die Akte verschwand hinter der Ordnerlasche Punkt IV 4.6, ein erledigter Fall.