Wie die Polizei plötzlich gegen Fanprojekte in ganz Deutschland vorgeht

Die Mitarbeiter wollen ihr Vertrauensverhältnis zur Fanszene schützen

Im April 2017 überwachte die Polizei in Niedersachsen eine Woche lang die Telefone von neun Fans von Hannover 96. Sie wiederum begründete den Schritt mit der »Gefahrenabwehr für Leib und Leben«; die Ultras seien mit großer Wahrscheinlichkeit in die Planung einer Schlägerei mit Braunschweigern involviert gewesen. Auffällig dabei ist, dass die Telefonüberwachung am 13. April startete, die Anordnung des Richters allerdings erst einen Tag später erfolgte. Die Fanhilfe von 96, die Anhänger in juristischen Fragen unterstützt, hat rechtliche Schritte gegen die Maßnahme angekündigt. Auch sie kritisierte das unverhältnismäßige Vorgehen der Polizei. Sieben Tage Telefonüberwachung und Observation wegen einer erwarteten Schlägerei?

Der polizeiliche Aufwand wirkt ähnlich überdimensioniert wie bei den 33 Razzien in Dresden. In den Fanszenen kursiert die These, dass die Behörden nur vordergründig wegen Landfriedensbruch und Gefahrenabwehr ermittelten. Eigentlich sei es ihnen um Daten und Informationen für ein weiteres Verfahren gegangen, eines wegen Paragraph 129. In Dresden suchte die Staatsanwaltschaft explizit nach den »Organisatoren und Kommandeuren« des Fanmarsches. Und über besonders viele Informationen von Personen aus der Fanszene verfügt naturgemäß eine Institution: das Fanprojekt des Vereins.

»Wir mussten uns die Schuhe ausziehen«

Auch in Karlsruhe gerieten Sozialarbeiter ins Visier der Ermittler – wie die bizarre »Mülleimer-Story« beweist. Am 27. Februar 2017 reisten die Karlsruher Fans in Bussen zum Auswärtsspiel beim FC St. Pauli. Am Parkplatz Schaapskaben hielt die Polizei einen Bus »wegen Farbschmierereien« an. Drei männliche Fans hätten an der vorherigen Raststätte einen Mülleimer mit einem Edding bemalt. Die Ordnungshüter riefen gleich Verstärkung: Insgesamt 60 Beamte waren im Einsatz.

Die Fanprojekt-Mitarbeiterin Sophia Gerschel erinnert sich: »Alle aus dem Bus wurden erkennungsdienstlich behandelt, wir mussten uns für Fotos aufstellen, Ausweise zeigen, Schuhe ausziehen – auch ich und der Fanbetreuer. Obwohl den Beamten klar war, dass wir im Dienst waren und seit mehr als drei Stunden vermittelt hatten.« Die zuständige Polizeistelle räumt auf Nachfrage ein, bei der Überprüfung von Gerschel habe es einen »Fehler in den Absprachen« gegeben. Die Bilder sollen vor Ort gelöscht worden sein.

Erst nach dreieinhalb Stunden durften die Karlsruher weiterfahren. Bei der Rückfahrt um halb zwei in der Nacht begleitete ein Streifenwagen den Bus fast 400 Kilometer bis nach Baden-Württemberg. Als der Fahrer zum Tanken auf einen Rastplatz abbiegen wollte, soll sich der Streifenwagen quergestellt haben, berichten die Insassen. Erst nach langem Zureden hätten die Polizisten den Weg freigegeben. Gerschel sagt: »Die Beamten wussten gar nicht, warum sie uns begleiten.« Die Fahrt nach Hamburg war für sie nicht nur langwierig, sondern folgenreich. Die Polizei habe gegen sie ermittelt. Wegen Sachbeschädigung an einem Mülleimer. Mittlerweile wurden sämtliche Verfahren eingestellt.

Die Mitarbeiter wollen ihr Vertrauensverhältnis zur Fanszene schützen

Nicht immer geht es um Petitessen wie Farbschmierereien. Richter laden Fanprojekt-Mitarbeiter auch bei Ermittlungen zu Körperverletzungen und schlimmerer Delikte als Zeugen vor, in einzelnen Fällen wurde ihnen bei Aussageverweigerung sogar mit Beugehaft gedroht. Das geschah selbst bei Fällen, in denen sie die Tat gar nicht bezeugen konnten. Die Aussagen sind für sie Gratwanderungen, weil sie ihren Klienten Vertrauensschutz garantieren. Die Karlsruher streben mit anderen Initiatoren ein Zeugnisverweigerungsrecht für Fanprojekt-Mitarbeiter an. Auch andere Sozialarbeiter wie die Ausstiegsberater für Rechtsextreme oder Streetworker sollen dabei mit einbezogen werden. Professoren der Hochschule Magdeburg-Stendal sehen »Reformbedarf« in dieser Hinsicht. Bis zu einer Gesetzesänderung bleibt es noch ein weiter Weg.

Die Mitarbeiter in den Fanprojekten wollen ihr mühsam aufgebautes Vertrauensverhältnis zur Fanszene schützen. Doch im Moment haben sie auch wenig Zeit, für neue Rechte in der Zukunft zu kämpfen. Sie müssen erst ihre bestehenden Rechte verteidigen – und zwar ihre Grundrechte als Bürger.