Wie die Polizei gegen Chemie-Leipzig-Fans vorgeht

Wie sich die Chemie-Fans gegen die Überwachung organisieren

Was die Motive der Polizei für die fast fünfjährigen – und letztlich auf dem Papier erfolglosen – Ermittlungen waren, kann dementsprechend nur gemutmaßt werden. So fielen die Fans der BSG Chemie in den vergangenen Jahren häufiger durch große Pyro-Aktionen auf, außerdem hat gerade die Rivalität mit dem Lok‘schen Stadtrivalen und seinen vielen rechten Anhängern auch eine politische Dimension. Die Chemie-Fans geben sich in Gesängen und auf Bannern offensiv antifaschistisch, immer wieder kam es in der Vergangenheit zu Konflikten. Nichts davon konnte bislang mit der Bildung einer kriminellen Vereinigung in Verbindung gebracht werden. In der polizeilichen Arbeit mit Fußballfans genießt der Paragraph 129 bisher ohnehin Seltenheitswert. Anfang 2015 stufte der Bundesgerichtshof mit den Dresdner »Hooligans Elbflorenz« erstmals eine Gruppe aus dem Fußball-Milieu als kriminelle Vereinigung ein. Die selbsternannten Hooligans hatten sich nachweislich diverse Male mit anderen Gruppen zu Schlägereien verabredet.

129 Freunde gegen Strukturermittlungen

In Leipzig sind insbesondere die Chemie-Ultras ins Visier der Staatsanwaltschaft geraten, in erster Linie die Gruppe »Ultra Youth«. Auch Thorsten ist Teil der Ultraszene. Er glaubt, bei den Ermittlungen sei es zum Teil auch darum gegangen, »die Leute zu verunsichern«, vor allem aber sollten »Hintergründe und Verstrickungen« der aktiven Chemie-Fans ausgekundschaftet werden – »auch mit der Politikszene«. Der Verdacht kommt nicht von ungefähr: Das erste Verfahren, in dem unter den 14 verdächtigen Personen auch Chemie-Fans beschuldigt wurden, richtete sich vor allem gegen Teile der links-alternativen Szene der Stadt.

Verunsichern lassen haben sich Thorsten und viele andere nicht. Im Gegenteil: Nachdem die ersten Bescheide der Staatsanwaltschaft im Juni in ihren Briefkästen landeten, riefen sie die Kampagne »129 Freunde« ins Leben, um »Transparenz und Aufklärung über die Dimension der Ermittlungen« zu fordern. Federführend sind auch dabei die Ultras des Vereins, Unterstützung erhalten sie unter anderem vom »Rechtshilfekollektiv«, der Fan-Hilfe der Chemiker. Dieses spricht von einem »Strukturermittlungsverfahren«, »rechtswidrigen Überwachungen« und mangelnder »Fehlerkultur« auf Seiten der Behörden.

Wo sind die Wasserbomben?

Dass sich die Lage entspannt, ist angesichts dessen eher nicht zu erwarten. Zumal es in der vergangenen Woche gleich zum nächsten Vorfall zwischen der Polizei und einem Chemie-Anhänger kam. Das Stadtmagazin »Kreuzer« berichtet von einer Hausdurchsuchung bei einem Leipziger. Er soll anwesend gewesen sein, als eine Gruppe Deutschland-Fans während der WM mit Wasserbomben und rohen Eiern beworfen wurde. Was die Beamten laut Beschluss suchten? »Wasserbomben«, »Verpackungsmaterial von Wasserbomben« und »Kaufbelege bzw. Unterlagen zum Kauf bzw. zur Bestellung von Wasserbomben«.

Während der Durchsuchung seiner Wohnung sollen die Beamten auffallend interessiert an der Zugehörigkeit des Leipzigers zur Chemie-Fanszene gewesen sein, so wurde dieser Umstand laut »Kreuzer« mehrfach thematisiert. Auch der Fan selber spricht in diesem Zusammenhang von »Strukturermittlungen«. Grünen-Politiker Lippmann meint ebenso, »dass Polizei und Staatsanwaltschaft offenbar an der fixen Idee festhalten, dass Fans sich zu einer kriminellen Vereinigung zusammenschließen.« Diese Entwicklung sei »besorgniserregend«.