Wie die Politik Fußballgroßereignisse ausnutzt

Angie's on fire

Während sich die Nation beim Public Viewing die Sinne vernebelt, verabschiedet der Bundestag ein Anti-Terror-Paket – ohne öffentliche Debatte. Kein Einzelfall bei den letzten Fußballturnieren.

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Die Schwarz-rot-Geilheit greift wieder um sich. Als ZDF-Reporter Carsten Behrendt nach dem DFB-Sieg gegen die Slowakei sein Mirko in die Menge vor dem Brandenburger Tor hält, schwappt dem geneigten Fernsehzuschauer die ganze ekstatische Schnappatmung der Nation entgegen.

»Paaarty« schreien da aufgelöste Damen mit Gesichtsbemalung und leerem Blick ihr wohlüberlegtes Statement zum Spiel in die Kameras – neben ihnen hat sich eine hüpfende Frontreihenfrau bereits geistig in den Public-Viewing-Himmel verabschiedet.

Die Nation ist einmal mehr benebelt von der großen EM-Sause, die noch mindestens eine weitere Woche die Köpfe zwischen Flensburg und Berchtesgaden im Griff haben wird. Eine Festzeit für alle Schlandianer – und für die große Politik.

14-Jährige können abgehört werden

Denn während die Wade von Jérôme Boateng das Land mehr interessiert als das Brexit-Beben, können deutsche Politiker im Schatten des Fußballs Gesetze durchwinken, die zu jeder anderen Jahreszeit für große Empörung sorgen würden.

Zum Beispiel das Anti-Terror-Paket, das am Freitag im Bundestag beschlossen wurde. Handy-Prepaid-Karten müssen demnach bei Kauf auf den Besitzer registriert werden, Kommunikationsdaten können schon von 14- statt bisher 16-Jährigen gespeichert werden.

Ein massiver Eingriff in den Datenschutz, der von der Regierung im Eiltempo durchgeboxt wurde. Linke und Grüne verurteilten den Beschluss heftig, sehen verfassungsrechtliche Bedenken und einen weiteren Einschnitt in die Grundrechte. Das Gesetz soll den Bundesrat am 8. Juli passieren.