Wie die Politik es wieder verpasst hat, einen Schritt auf die Fans zuzugehen

Ein Armutszeugnis

Ein deutlicher Rückgang der polizeilich erfassten Fans bei Fußballspielen ist ein positives Signal. Doch die Innenminister der Länder sprechen nicht darüber. Stattdessen werfen sie den Fans weiter Stöcker zwischen die Beine.

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Eigentlich ist es wie immer: Wenn Zahlen ins Spiel kommen, steigen die meisten gedanklich aus. So auch bei den Antworten auf die Kleine Anfrage der Grünen-Fraktion im Bundestag aus dem Dezember 2016, die sich vor allem um die mythenumrankte Datei »Gewalttäter Sport« drehten. Dieser Datensatz besteht seit 1994, mindestens genauso viele Kritipunkte stehen gegen ihn. Die Zahl, auf die sich schließlich doch alle stürzten war 10.907.

Wer Pech hat, steht in der Datei

So viele Personen soll die Datei nämlich erfasst und damit als potentielle Gewalttäter im Sport gebrandmarkt haben. Klingt viel, doch wenn man beachtet, dass neben »Verdächtigen«, »Beschuldigten« und »Verurteilten« eben auch Personen geführt werden dürfen, »weil bestimmte Tatsachen die Annahme rechtfertigen, dass die Betroffenen anlassbezogene Straftaten von erheblicher Bedeutung begehen werden«, sieht die Sache ein bisschen anders aus. Kurz gesagt heißt das nämlich: Schon eine Personalienfeststellung im Rahmen eines Bundesligaspiels kann reichen, um in dieser Datei aufzutauchen. Wie schnell das gehen kann, weiß jeder, der schon mal samstagsnachmittags in der Nähe eines Stadions war. Ein Skandal, genau wie die Tatsache, dass man auch nicht aus der Datei gelöscht wird, wenn das Verfahren eingestellt wird.

Tatsächlich gewalttätig sind sehr wenige

Doch die wirklich interessante Zahl, die sich aus der Kleine Anfrage der Grünen ergab, war ein Rückgang um 1000 erfasste Personen im Vergleich zum Dezember 2015. Wir alle erinnern uns noch wie alarmistisch die Innenminister der Länder wurden, als es einen Zuwachs der Erfassungen gab. Mitunter bekam man das Gefühl vermittelt, rund um die Stadien herrsche Bürgerkrieg, in den sich kein normal denkender Mensch begeben sollte. Auch das war natürlich großer Unsinn. Oder wie der ehemalige DFB-Sicherheitschef, Helmut Spahn, gegenüber Spiegel Online sagte: »In der vorigen Saison waren fast 23 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer in den deutschen Stadien, es hat aber nur 500 Verletzte durch Fremdverschulden gegeben. Selbst wenn jeder, der in dieser Datei ist, tatsächlich gewalttätig wäre, wäre das umgerechnet auf die Zuschauer in den ersten drei Profiligen sehr wenig.«

Auffällig oft ging das populistische Geschrei aus den Ministerien auch mit der Forderung einher, die Polizeipräsenz rund um Fußballspiele zu erhöhen. Die steigenden Kosten sollten schließlich auf die Vereine umgewälzt werden. Spätestens hier hatten die meisten verstanden, warum die Meldungen aus den Ministerien oft dem Geschrei auf dem Hamburger Fischmarkt ähnelten. Wer hat noch nicht? Wer will noch mehr?

Wo sind die Krakeeler jetzt?

Und was sagen die Minister des Inneren zum Rückgang von knapp zehn Prozent? Wo sind die Krakeeler und Scharfmacher heute? Warum tritt niemand in die Öffentlichkeit und weißt auf eine positive Entwicklung hin? Es ist ein Armutszeugnis.

Stattdessen werden – wie aktuell in Bremen – Blockfahnen im Stehblockbereich 130/132 verboten. Dort steht der harte Ultrakern, der nun pünktlich vor dem Heimspiel gegen den FC Bayern provoziert wird. Übrigens mit einer Forderung, mit der sich Bremens Innenminister Ulrich Mäurer in der Vergangenheit immer wieder positionierte. Angesichts der aktuellen Entwicklung ist dieses Signal an die Fans haarsträubend. Man könnte sogar sagen: Wenn Fans ins Spiel kommen, steigen die meisten Innenminister gedanklich aus.