Wie die »Nationalmannschaft des freien Syrien« in Berlin um Anerkennung kämpft

»In so einer Situation könnte ich nicht spielen«

Hawa desertierte, floh ins Rebellengebiet, später in die Türkei. Dort spielte er zum ersten Mal für die »Nationalmannschaft des freien Syrien«. Den ersten Versuch, ein alternatives Team zu gründen, startete Kapitän Nihad Saadeddine schon 2012 im Libanon. Er wünschte sich eine Mannschaft, die nicht unter der Kontrolle des Regimes steht. Andere geflohene Fußballer bauten parallel ein Team in der Türkei auf. Als Saadeddine nach Österreich kam, begann er, Spieler zu kontaktieren. Heute spielen in Deutschland und in der Türkei zwei Teams unter dem gemeinsamen Namen der freien Nationalelf. Ihr Traum, so unrealistisch es auch sein mag: offiziell von der FIFA als Nationalmannschaft anerkannt zu werden.

Für das Team in der Türkei spielte kurze Zeit auch der Starspieler Firas Al-Khatib. Er hatte 2012 öffentlich verkündet, nicht mehr für die Nationalelf zu spielen, solange das Regime seine eigene Bevölkerung bombardiere. 2017 allerdings kehrte er, während der WM-Qualifikationsrunde, zur offiziellen Elf zurück. Für Bassel Hawa hingegen gab es kein Zurück. 2015 floh er nach Deutschland. Heute lebt er mit seiner Mutter in Berlin und ist beim Bezirksligaverein FC Spandau 06 unter Vertrag.

»In so einer Situation könnte ich nicht spielen«

Der Schiedsrichter pfeift an, nach zehn Minuten kassiert Syrien das erste Tor. Es scheint, als müssten sich die Spieler erst aneinander gewöhnen. Gemeinsame Trainings gibt es kaum. Die Fußballer leben über ganz Deutschland verstreut, die meisten spielen bei Vereinen in der 5. oder 6. Liga. Bald gleichen die Syrer aus, dann gehen sie in Führung. Das scheint ihnen weiteren Auftrieb zu geben, denn in der zweiten Halbzeit haben die Spandauer keine Chance mehr. Am Rand des Spielfelds stehen die syrischen Fans, vielleicht hundert Leute, und schwenken Fahnen der Opposition. Statt mit Fangesängen feuern sie das Team durch Slogans der Revolution an: »Das Volk will die Regierung stürzen!« Hawa sagt zwar, es gehe der Mannschaft um Fußball, nicht um Politik. Für ihre Fans hinter der Linie scheint dies nicht zu gelten.

»Manchmal wünsche ich mir, die Revolution und der Krieg wären nie passiert«, sagt Hawa. Dann hätte er vielleicht mit der Nationalelf um die WM-Qualifikation gespielt. Zurück aber will er nicht: »Alle Spieler in der Nationalelf haben Freunde und Mitspieler, die durch das Regime getötet oder gefoltert wurden«, sagt er. »In so einer Situation könnte ich nicht spielen.«

Die Partie in Spandau endet 6:2 für die Syrer. Erschöpft rennen sie auf ihre Fans zu, lassen sich bejubeln, auf die Schultern klopfen, posieren für Handyfotos. Ein kleiner Sieg für das kleine Team des freien Syrien.