Wie die »Nationalmannschaft des freien Syrien« in Berlin um Anerkennung kämpft

Ländersache

Vor knapp sieben Jahren spielte Bassel Hawa für Syrien. Heute tut er das zwar immer noch, allerdings auf eine andere Weise – und für ein anderes Syrien.

Paulina Hildesheim
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Bassel Hawa steht in der Umkleidekabine, umringt von seinen Mitspielern. Die Luft ist stickig. »Los Leute«, sagt er, »wir müssen ein gutes Bild abgeben. Und – Inschallah – hoffentlich ist Syrien bald frei.« Die anderen rufen: »Freies, freies Syrien!« Draußen taucht die Abendsonne den Fußballplatz in Berlin-Spandau in orangenes Licht, als die Spieler auf den Rasen laufen und sich neben ihrem Gegner aufstellen, dem FV Blau-Weiss Spandau 03. Ein Freundschaftsspiel, doch für die Syrer ist es mehr als das: ein Länderspiel, Deutschland gegen Syrien.

Das Team nennt sich die »Nationalmannschaft des freien Syrien«. Ihre Geschichte zeigt, wie tief die Gräben geworden sind, die sich durch die syrische Gesellschaft ziehen. Sie reichen bis in den Fußball hinein, der doch angeblich mit Politik nichts zu tun haben soll.

Mitmachen oder desertieren

Die »Nationalmannschaft des freien Syrien« spielt ohne Anerkennung der FIFA, hat weder Geld noch ein eigenes Stadion, nicht mal eine Homepage. Eigentlich gibt es keinen Platz für sie – schließlich hat Syrien bereits eine Nationalelf. Die verpasste erst kürzlich gegen Australien die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2018. So weit war Syrien noch nie auf dem Weg zu einer WM gekommen. Viele Syrer waren euphorisch über den Erfolg. Die Jungs in Spandau aber freuten sich, als Syrien am Ende verlor. Für sie ist diese Elf nicht das Team des Landes, sondern das Team des Assad-Regimes. Sich selbst sehen sie als legitime Vertretung der Syrerinnen und Syrer; zumindest von jenen, die das Regime ablehnen.

Bassel Hawa ist heute der älteste syrische Spieler, denn Kapitän Nihad Saadeddine kann wegen einer alten Knieverletzung nicht spielen. Hawa ist 27, durchtrainierter Typ, entspannte Stimme, Rückennummer 10. Mit sieben Jahren fing er an zu kicken, beim Nachwuchs des Erstligavereins Al-Horria in Aleppo. Hätte man ihn damals gefragt, was er zwanzig Jahre später macht, hätte er wohl nicht an ein Freundschaftsspiel in Spandau gedacht. Er träumte davon, für die Nationalelf zu spielen, und war auf dem besten Weg dorthin, denn er wurde in Syriens U17-Kader berufen. Dann aber stoppte ihn eine Verletzung. Mit 19 zog man ihn 2010 zum regulären Militärdienst ein. Ein Jahr später begannen die Aufstände gegen die Regierung. »Als ich sah, wie die Armee auf friedliche Demonstranten schoss, musste ich mich entscheiden.« Mitmachen oder desertieren.