Wie die Fans von TeBe um ihren Verein kämpften

Nur ein Surrogat

Wäre es möglich, einen neuen Verein zu gründen, nach dem Vorbild des FC United of Manchester oder des AFC Wimbledon? So wie es die Fans des Hamburger SV machten, als sie nach der Ausgliederung der Fußballabteilung den HFC Falke gründeten? Die TeBe-Fans spielen mit dem Gedanken, ohne konkrete Planungen vorzubereiten. Roter Stern Leipzig, erst 1999 von zwanzig alternativen Jugendlichen gegründet, wirkt auf einige zumindest wie eine nachahmenswerte Utopie. Der Sportplatz, an einem Hügel gelegen, wird von Brettern und Bierkisten zusammengehalten. Am Grill schwitzt ein Punk. Und direkt neben dem Platz des Stadionsprechers steht »Mr. Bungle«, längere, leicht ergraute Haare, wache Augen, eine fast jugendliche Stimme. Hier, wo der Punkrock aus den Boxen jedes vernünftige Gespräch zunichtemacht, fühlt er sich seiner eigenen Heimat am nächsten.

Foto: Tim Peukert

»Mr. Bungle« heißt eigentlich Carsten Bangel. 1977 besuchte er sein erstes Spiel im Mommsenstadion, knapp zwanzig Jahre lang war er Stadionsprecher und -DJ, kurzum: ein Original. Er erstellte stundenlang Playlists mit feinen Querverbindungen zu Spielern und Gegnern. Seit Januar hat er das Stadion nicht mehr betreten. Er sagt: »Was da vor sich geht, ist ein Akt der Barbarei. Da sind Leute am Ruder, die kein Interesse an der Geschichte und der Kultur des Vereins haben.« Die Klubikone Peter Eggert habe man mit einem kopierten Wikipedia-Artikel geehrt, den TeBeler Hans Rosenthal von der Homepage getilgt. Für Bangel gibt es momentan keinen Weg zurück. »Ich kann mit einer Vasallentreue nichts anfangen. Ich muss nicht immer zu meinem Klub stehen, egal was passiert. Das ist dann keine reflektierte Liebe.«

Doch wie reflektiert kann Liebe überhaupt sein? Was gehört zur Identität eines Vereins? Nicht jeder im Block hört Punkrock und liest Ernst Bloch. Und manche Zuschauer und die Spieler wollten tatsächlich das Lied »Die immer lacht« im Stadion hören, was in den Ohren von Bangel nicht ins Mommsenstadion passt. Der »Abstrafer« und der Mann mit dem weißen Schnäuzer, auch sie lieben TeBe, sind bei jedem Spiel dabei, sie möchten in die Regionalliga. 

Ein Fußballklub kann Widersprüche aushalten

Dabei steckt etwas Entscheidendes hinter der Diskussion: Gelebte Fankultur und Regionalliga, Abstrafer und Ernst Bloch, selbst »Die immer lacht« und Punkrock – all das kann auch zusammengehen. Ein Fußballklub kann Widersprüche aushalten. Vielleicht muss er es sogar.

In Berlin und auch bei Hannover 96 wurde eine haltlose Dichotomie aufgebaut: Der Geldgeber stünde für den Erfolg und die Zukunft, die Fans aber würden sich partout gegen finanzielle Hilfen und Aufstiege stellen. So als würden sie sich den Fußball mit der Schweinsblase zurückwünschen. Fußballvereine sind heutzutage auf der Suche nach einer Marke, nach einem bestimmten Claim – dabei bieten die Geschichte und die Kultur eines Vereins meist genügend Anknüpfungspotential. TeBe stand bundesweit für eine kreative Fankultur, für klare Statements gegen Homophobie und Rassismus, auch für faire Diskussionen – und hob sich damit von vielen anderen Klubs ab.

Es ist verwunderlich, warum der Vorstand nicht genau auf dieses Potential setzte. Selbst aus wirtschaftlicher Sicht. Vincent Kompany, Kapitän von Manchester City, hat in seiner Masterarbeit festgestellt, dass die Vereine ihren Fans schon aus ökonomischer Sicht den Rücken stärken müssen. »Eine gute Atmosphäre im Stadion steigert den Wert des Produkts; die Resultate auf dem Platz und bei der Vermarktung sind besser.« Sein Vorschlag: bezahlbare Eintrittspreise für die Fanszene. Und der ehemalige argentinische Nationalspieler, Trainer und Vordenker Jorge Valdano wurde einmal im »SZ«-Interview gefragt: »Was setzt man gegen die Macht des Geldes aus England?« Seine schlichte Antwort: »Kultur.« Es sind Erkenntnisse, die auch bei den Diskussionen um die 50+1-Regel in ganz Deutschland akut werden. Bei TeBe sieht es derzeit so aus, als hätten beide verloren: die Fans ihren Klub und der Klub ein Stück seiner Identität.

Foto: Tim Peukert

An diesem Nachmittag im April ist Roter Stern Leipzig die unterlegene Mannschaft. Die Gäste aus Berlin begleiten das Geschehen mit distanziertem Interesse. Es wäre schon etwas anderes, wenn es auf dem Platz gerade um Punkte für TeBe ginge. An den Balustraden hängen ihre Zahnfahnen, im Wechsel werden Lieder für Leipzig und TeBe gesungen, aber auch als Roter Stern kurz vor Schluss auf den Ausgleich drängt, ist den TeBelern ihr Fremdeln anzumerken. Sie haben alles dafür getan, dass dieser Ort für einen Nachmittag zu ihrem Zuhause wird. Aber wie soll das gelingen, wenn es nur ein Surrogat ist? Genügt es, alte Bekannte wiederzusehen und bestenfalls in Erinnerungen zu schwelgen? 

Carsten Bangel läuft durch die Reihen. Er, der mit seiner Musik für das Wohnzimmergefühl der TeBe-Fans gesorgt hat. Der für viele zur Ikone des Widerstands geworden ist. Leise stimmt er in den Chor ein: »Lila-Weiße …« Das Flüstern breitet sich zu einem Gesang aus, »Lila-Weiße«. Bis die Gegengerade antwortet: »… Westberliner Scheiße!« Feinste Selbstironie. Der Geist von TeBe, so sehen es Bangel und die anderen, ist hier in Leipzig zu spüren und unterwegs bei der »Caravan of Love«. Mehr zumindest als zu Hause, im Mommsenstadion.