Wie die englische Presse Jagd auf Raheem Sterling macht

Rassismus und Sozialneid

Englands Sturmjuwel kam als Sechsjähriger nach London. Vorher lebte er in Maverley, einem Stadtteil der jamaikanischen Hauptstadt Kingston, der vor allem für Waffengewalt und Armut bekannt ist. In London arbeitete er sich über die Jugendabteilung der Queens Park Rangers nach Liverpool und in den Profifußball.

Es scheinen Lebensgeschichten wie diese zu sein, die der englischen Presse sauer aufstoßen. Das hat im Fall von Raheem Sterling sicherlich mit Rassismus zu tun, aber vor allem mit Sozialneid. Der ist in der englischen Gesellschaft, die immer noch sehr in Klassenmustern denkt, weiterhin stark ausgeprägt.

England braucht seine Sündenböcke

Denn Sterling ist nicht der erste Nationalspieler aus Arbeiterverhältnissen, der im Vorfeld einer Weltmeisterschaft vom englischen Boulevard wie die Sau durchs Dorf getrieben wird. Fast so als würde es manchem Journalisten nicht in den Kram passen, dass ein »einfacher Junge« fürs Fußballspielen Millionen verdient.

2006 wurde David Beckhams Ehefrau als »Trophy Wife« und seine Schwester als übergewichtig verunglimpft. 2014 ging kurz vor Turnierbeginn die Hexenjagd auf Wayne Rooney los. Roy Hodgson, damaliger Nationatrainer der »Three Lions«, empfand es sogar als traurig, wie »besessen von Wayne Rooney« England ist.

Sicher ist allerdings auch, dass alle Kritik schnell vergessen sein wird, wenn Raheem Sterling England zum WM-Titel schießt. Mit Helden ist der Inselboulevard genauso schnell zur Hand wie mit Sündenböcken. Gönnen würden wir es Raheem Sterling. Den Menschen, die sich künstlich über ein Tattoo beschweren, eher nicht.