Wie die älteste Alternativliga Deutschlands entstand

»Alter, ich steck’ dir die Brille in’n Arsch!«

Das war aber nicht das einzige Problem, das sich aus der wachsenden Popularität der Wilden Liga ergab. Ein anderes blieb die Platzfrage. Die Radrennbahn war seit jeher aus allen Nähten geplatzt, und nun griff das Schicksal an zwei Fronten an: einerseits durch die steigende Teilnehmerzahl, anderseits durch die Kommune, die zwei der vier Plätze einzäunte, um den damals heimatlosen Oberligisten Arminia dort trainieren zu lassen. In dieser Notsituation entdeckte die Wilde Liga ihre anarchistischen Wurzeln und brach den vermaledeiten Zaun an jedem verdammten Sonntag auf. Diejenigen, die trotzdem keine Spielfläche fanden, irrten auf der Suche nach einem Platz oft über Stunden durch Bielefeld. Glücklich waren da jene Mannschaften, die über ein eigenes Gelände verfügten – und sei es ein so räudiges wie das der Sieker Löwen: ein enger, furchiger, brettharter Schlackeplatz, der auf einer Seite von fiesem Gestrüpp, auf der anderen von einer Betonmauer begrenzt war. Die Mauer hatte immerhin den Vorteil, dass man darauf problemlos sein Bier abstellen konnte.

»Alter, ich steck’ dir die Brille in’n Arsch!«

Zur Herausforderung wurde auch die zunehmende Öffnung für andere Milieus. Nicht alle neuen Teams waren mit dem Geist der Gründer vertraut, mehrere Versuche, schwererziehbare Truppen zu integrieren, scheiterten – was wiederum am Selbstverständnis der Wilden Liga kratzte. »Ein schwieriger Spagat zwischen Toleranz und der Notwendigkeit, die Regeln einzuhalten«, bilanziert Stephan Boecken. Legendär ein Spiel zwischen den Sieker Löwen und den umstrittenen Coconuts, als sich die Scharmützel nach dem Spiel auf den Parkplatz verlegten und in eine Art Stock-Car-Rennen mündeten, bei dem mehrere Kraftfahrzeuge zu Schaden kamen. Peinliche Randnotiz hingegen die Szene, als ein panischer Stürmer über den halben Platz flüchtete, verfolgt vom Verteidiger des Teams aus einem Bielefelder Problembezirk, der dabei rief: »Alter, ich steck’ dir die Brille in’n Arsch!« Der bebrillte Stürmer war leider ich.

Gleichwohl fühle ich mich der Wilden Liga bis heute verbunden, was auch damit zu tun hat, dass ich von 1992 bis 2001 beim »Bielefelder StadtBlatt« quasi der inoffizielle Ligachronist war. Wenn mich eines Tages der Sensenmann holt und fragt »Kirschneck, was bleibt von deinem ganzen Geschreibsel?«, kann ich immerhin antworten, ich hätte mir die Namen der drei Staffeln der Liga ausgedacht: »Um die Wurst«, »Fahrstuhl« und »Souterrain«, so heißen sie noch immer. Das ist doch keine so üble Lebensbilanz. Wobei der »Fahrstuhl« vor zwei Jahren in Rente geschickt wurde, aber das hatte nichts mit seinem Namen zu tun.

Die Würde des Balles

Der Wilden Liga Bielefeld ging es nämlich schon mal besser. Von den einst 50 Mannschaften sind weniger als die Hälfte übriggeblieben, viele Traditionstruppen existieren nicht mehr oder sind bis zur Unkenntlichkeit fusioniert. So wurde aus Partisan Ekstase und Balla das da rein! mittlerweile »Balla in Ekstase«, die Huscher und die Sieker Löwen sind zu den »Huscher Löwen« verschmolzen. Nun kann niemand etwas dafür, wenn er älter wird und die müden Knochen das Kicken nicht mehr gestatten. Rätselhaft ist aber, warum in einer wachsenden Universitätsstadt wie Bielefeld nicht mehr Teams von unten nachkommen. Filmemacher Max Meis, der die Doku »Die Würde des Balles« gedreht und selbst jahrelang in der Wilden Liga gespielt hat, glaubt, dass der immer noch recht forsch formulierte politische Anspruch der Bielefelder Liga eine Hemmschwelle sein könnte: »Landesweit boomen die Freizeitligen, in Köln gibt es sogar eine Warteliste. Die Liga muss Leute, die im richtigen Alter sind, um ein Team zu gründen, wieder besser ansprechen. Die 20-Jährigen wollen heute bolzen und große Bluetooth-Speaker mit auf die Radrennbahn bringen. Einfach Spaß haben und nicht das Kommunistische Manifest lesen.«

»Hammer-Horst« hat diese Probleme nicht mehr. Als Heinz und Norbert ihn auf ein mögliches Comeback ansprechen, lächelt er süffisant: »Jau. Auf Krücken oder mit dem Rolli?« Dabei hat der gewichtige Horst auch früher nicht viel Bewegung gebraucht, um seine zahllosen Tore zu schießen. Da reichte der Hammer, der ihm den Namen gab.

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Wer sich den Film »Die Würde des Balles«, den Dokumentarfilm über das Phänomen Alternativfußball, nicht entgehen lassen will, hat in den kommenden Wochen in mehreren Städten die Gelegenheit. 

25. November 2017 – 18:30 Uhr: Moviemento Berlin, Fragerunde mit Filmteam nach der Vorstellung.

26. November 2017 – 16:45 Uhr: Moviemento Berlin, Fragerunde mit Filmteam nach der Vorstellung.

30. November 2017 – 21:00 Uhr: Lichtwerk Kino Bielefeld.

10. Dezember 2017 – 20:15 Uhr: Apollokino Hannover, Fragerunde mit Filmteam nach der Vorstellung.

20. Dezember – 19 Uhr: Lichtwerk Kino Bielefeld.

Alle weiteren Infos zum Film, Bestellhotline und Trailer finden sich auf der Seite »Die Würde des Balles oder: Fußball gegen die Ordnung«.