Wie die älteste Alternativliga Deutschlands entstand

Wie die Wilde Liga für Begeisterung sorgte

Im Herbst 1976 startete die Wilde Liga mit acht Mannschaften in ihre Debütsaison. Das Team vom AJZ nannte sich Schwarz-Rot Chaos und frönte den Farben der Anarchie. »Das waren aber nicht alles Revolutionäre«, erzählt Makkus. »Einer war Professor, einer Assistent an der Uni. Wir hatten auch einen, der ein richtig guter Fußballer war, aber wegen seiner Haare im Verein gemobbt wurde. Man hatte halt damals die Langhaarfraktion auf der einen Seite und die Bürgerlichen, die Stammtischleute, die Väter auf der anderen. Das gab es ja bei uns alles noch nicht, mit Kindern, Familie und so.« Die kinderlosen Schwarz-Rot Chaos wurden zu einer der prägenden Mannschaften der frühen Jahre, 1979 gewannen sie sogar die Meisterschaft. Neun Jahre danach war für Makkus nach dem zweiten Kreuzbandriss Schluss. Da hatte auch Schwarz-Rot Chaos seine besten Tage schon hinter sich, heute ist das Team längst Geschichte. »Schade, dass man keinen privaten Kontakt mehr hat«, sagt Makkus. »Das Problem ist, wenn man im Kopf noch jung ist, aber der Körper nicht mehr mitmacht.« Heute spielt er einmal die Woche Boule.

Ergebnisse und Dönekes

Während es mit Schwarz-Rot Chaos bergab ging, startete die Wilde Liga erst richtig durch. Und je mehr sie das tat, desto weiter entfernte sie sich von ihrer Ursprungsidee als Spielwiese der autonomen Jugendzentren. Ab den frühen Achtzigern tauchte sie ständig im »Bielefelder StadtBlatt« auf, einer linken Wochenzeitung, die aus derselben Ursuppe entstanden war, aber bald zu einem Zentralorgan der alternativen Szene wurde. Über das »StadtBlatt« wurden auch Bevölkerungskreise auf die Wilde Liga aufmerksam, die nicht ins AJZ gingen (oder zumindest nicht wussten, dass die Leute dort Fußball spielten). Die Berichte, die sich nicht auf die Ergebnisse beschränkten, sondern zudem die Dönekes drum herum erzählten, weckten die Neugier junger Menschen im spielfähigen Alter. Das Freizeitangebot, das die Liga unterbreitete, war ja auch unverschämt attraktiv: ungezwungen, aber dennoch regelmäßig Fußball zu spielen, ohne Drill, ohne Vereinsmeierei, ohne erzwungenes Training, aber doch mit einer gewissen Relevanz, das traf den Nerv der Leute. Immer mehr neue Teams bildeten sich, mit dem Höhepunkt rund ums Millennium, als 50 Mannschaften am Start waren. Aus der kleinen Jugendzentrumsliga war ein gewaltiges Paralleluniversum zum DFB-Fußball geworden.

Der Mann, der dieses Konstrukt in halbwegs geordneten Bahnen halten musste, heißt Stephan Boecken. Auch er ein Wildligist der (fast) ersten Stunde, seit 1978 hat er bei Partisan Ekstase gespielt, einem Team, das aus einer Einrichtung für haftentlassene Männer hervorgegangen ist. Boecken ist heute 63, aber im Gegensatz zu Marquardt kickt er noch ab und zu, »trotz Arthrose im Knie«. Anderthalb Jahrzehnte lang hat er die Ligasitzung geleitet, jenes mehr oder weniger regelmäßig tagende Plenum, in dem auch heute noch alle organisatorischen Fragen besprochen werden.


Redebedarf im Raucherzimmer

Damals saßen bis zu 50 Teamvertreter im überfüllten Hinterzimmer der Kneipe Bewekenhorn, um sich herum eine undurchdringliche Wolke. Nahezu jeder rauchte, und viel zu viele hatten viel zu viel Redebedarf. Da braucht es einen wie Stephan Boecken, der mit mildem pädagogischen Anstrich die Tagesordnung im Auge behielt. Warum er sich das angetan hat? »Verbindlichkeit war mir immer wichtig. Ich wollte, dass es gut und zügig läuft, nicht zu viel Laberei. Manche hatten doch die Neigung, von Höcksken auf Stöcksken zu kommen.«