Wie Deutschland Weltmeister wurde

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Das späte Siegtor in Amsterdam sicherte Deutschland am Sonntag nicht nur drei Punkte. Sondern auch einen Weltmeistertitel. 

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In gewisser Weise beginnt die Geschichte des seltsamen Titels, den Deutschland vorgestern gegen Holland gewann, am 15. April 1967. An jenem Tag trafen im Wembleystadion England und Schottland aufeinander. Nicht weniger als 30.000 schottische Anhänger traten die Reise in den Süden an. Als ihre Mannschaft das Spiel gegen den großen Rivalen mit 3:2 gewann, waren sie so ekstatisch, dass viele auf den Platz stürmten und ihre Spieler umarmten, andere Schotten tanzten trunken vor Glück auf dem Rasen. Es war Englands erste Niederlage seit der WM 1966, weshalb die schottischen Fans halb im Scherz behaupteten, nun wäre ihre Elf neuer Weltmeister. Denn schließlich ist das ja die Regel zum Beispiel im Boxen: Wer den Champion schlägt, bekommt seinen Titel. Bis heute ist die schottische Elf von damals in der Heimat bekannt als »the Unofficial World Champions of 1967«.

Der Engländer Paul Brown war da zwar noch nicht geboren, aber natürlich kennt er die Geschichte des berühmten Spiels. Und deswegen spitzte er die Ohren, als er 35 Jahre später eine von diesen Fußballshows im Radio hörte, bei denen Leute anrufen können, um mitzudiskutieren. Was exakt in dieser Sendung passierte, ist nicht ganz klar. Brown selbst versichert, dass ein Anrufer auf 1967 verwies und fragte, wer nach dieser Rechenweise denn aktueller Weltmeister wäre. Vielleicht spielt Brown da aber seine Erinnerung einen Streich. 

Denn die Frage wurde vermutlich von einem Mann namens Allan Stobart aufgeworfen, der die Sendung ebenfalls verfolgt hatte. Ende Januar 2002 schrieb Stobart dem »Guardian« eine E-Mail mit folgendem Inhalt: »Neulich habe ich im Radio gehört, wie jemand über das Spiel von 1967 sprach, in dem Schottland inoffizieller Weltmeister wurde. Das brachte mich zum Nachdenken. Wenn die Schotten so Weltmeister wurden, dann muss der Titel ja an das nächste Team gegangen sein, das Schottland besiegte – und immer so weiter. Wenn man das bis zum Schluss weiterdenkt, gibt es eine Mannschaft, die heute Englands Krone von 1966 trägt. Führt jemand da draußen ein so trauriges Leben, dass er das mal durchrechnen kann?«

Wer war der erste Weltmeister?

Ob die entscheidende Anregung nun von einem namenlosen Anrufer kam oder auf Stobarts Mist gewachsen ist, ganz offenkundig gab es da draußen viele traurige Existenzen, nicht zuletzt beim »Guardian« selbst. Der rechnete Stobart nämlich eine Woche später vor, dass der amtierende inoffizielle Weltmeister aus Spanien kam. Allerdings nahm die Zeitung nicht die Partie von 1967 zum Ausgangspunkt, sondern das WM-Finale 1930. Denn an jenem Tag, so argumentierte der »Guardian«, wurde Uruguay erster Weltmeister der Geschichte. Was wiederum bedeutete, dass die erste Mannschaft, die Uruguay anschließend besiegte, als zweiter Weltmeister zu betrachten war.

Es war, als hätte die Zeitung in das Wespennest gestochen, in dem Statistik-Nerds ausgebrütet werden. Von überallher meldeten sie sich mit Hinweisen, Vorschlägen und natürlich Korrekturen. So stellte sich schnell heraus, dass der »Guardian« einen Fehler gemacht hatte, weil er eine Partie bei den Olympischen Spielen 1952 mit in die Wertung nahm, obwohl es sich nicht um ein Spiel zwischen zwei A-Nationalmannschaften handelte. Nach der korrigierten Berechnung war nicht Spanien amtierender geheimer Weltmeister, sondern Nordirland. Aber auch nur, wenn man der Idee folgte, dass ab 1930 zu rechnen war. Und diese Idee missfiel einigen Leuten.