Wie Deutschland früher auf schlechte Turniere reagierte

Kabale und Siege

Erstmals ist Deutschland in der Vorrunde einer WM ausgeschieden. Trotz des historischen Debakels blieb Bundestrainer Joachim Löw im Amt. Das war nicht immer so. Ein Blick zurück.

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WM 1962

Bundestrainer Sepp Herberger ist nach der Rückkehr aus Chile keineswegs unzufrieden. Seine Mannschaft hat in ihrer Gruppe mit Gastgeber Chile und Italien Platz eins belegt und das Viertelfinale gegen Jugoslawien durch ein spätes Tor nur knapp mit 0:1 verloren. In der Heimat aber wird das vorzeitige Aus eher als Debakel begriffen. »Er wurde massiv angegriffen, in allen Medien«, schreibt Herbergers Assistent und späterer Nachfolger Helmut Schön in seinen Memoiren.

Der Bundestrainer macht trotzdem weiter - und landet gleich einen Achtungserfolg. Am 30. September nimmt die Nationalmannschaft in Zagreb Revanche und gewinnt 3:2 (2:1) gegen Jugoslawien. Heinz Strehl vom 1. FC Nürnberg, der bei der Weltmeisterschaft keine Minute hat spielen dürfen, erzielt bei seinem Länderspieldebüt alle drei Tore. »Mit der gleichen Ruhe, wie er in der heimischen Metzgerei seine Würste kocht und Koteletts klopft, spielte er in Zagreb seinen Ball. Abgeklärt. Eiskalt, spritzig und voller Tatendrang«, berichtet der Tagesspiegel.

Die Zweifel an Herberger aber bleiben. Im Mai 1964 soll er in Hannover vom DFB offiziell verabschiedet werden. Da das Spiel gegen Schottland mit einem unbefriedigenden 2:2 endet, sitzt Herberger am 7. Juni 1964 gegen Finnland aber noch einmal auf der Bank. Die Nationalmannschaft gewinnt 4:1 in Helsinki - dort, wo Sepp Herberger 1921 sein erstes Länderspiel als Spieler bestritten hat.

WM 1978

»So hätte ich mir die Elf in Argentinien gewünscht«, sagt Helmut Schön. Der ehemalige Bundestrainer sitzt beim Debüt seines Nachfolgers Jupp Derwall in Prag auf der Tribüne. Er sieht einen berauschenden Auftritt der deutschen Mannschaft, die bei der WM in Argentinien durch eine blamable 2:3-Niederlage gegen Österreich vorzeitig ausgeschieden war. Dabei stehen in Prag noch acht Spieler auf dem Feld, die auch in Cordoba dabei waren. »Es ist wieder Bewegung im deutschen Spiel«, findet der Tagesspiegel. 4:1 führt die Nationalmannschaft schon zur Pause gegen die Tschechoslowakei. 4:3 heißt es am Ende für den gestürzten Weltmeister.

Derwalls Debüt in Prag ist der Beginn einer beeindruckenden Serie: Die ersten 23 Spiele seiner Amtszeit gehen ohne Niederlage zu Ende - das ist bis heute Rekord. Genau wie die zwölf Siege hintereinander, die der Mannschaft unter Derwall zwischen Mai 1979 und Juni 1980 gelingen.

EM 1984

Franz Beckenbauer ist ehrlich überrascht, als die »Bild«-Zeitung nach dem Vorrunden-Aus von Derwalls Team bei der EM in Frankreich auf ihrer Titelseite verkündet: »Franz: Ich bin bereit«. Auch für Franz Beckenbauer, während des Turniers noch Kolumnist für das Boulevard-Blatt, ist das eine echte Neuigkeit. Der DFB einigt sich mit dem Rekordnationalspieler aber schließlich darauf, dass er als Teamchef ersteinmal den Platzhalter gibt, bis Wunschkandidat Helmut Benthaus (Meistertrainer vom VfB Stuttgart) verfügbar ist.

Beckenbauers Debüt läuft nicht allzu erfolgreich. In Düsseldorf verliert die Nationalmannschaft 1:3 (0:2) gegen eine argentinische Mannschaft, in der Diego Maradona nicht einmal dabei war. Zu der Niederlage trägt auch Beckenbauers gewagtes taktisches Experiment bei: Er lässt mit einer Viererkette verteidigen, die keiner seiner Spieler beherrscht. In der Pause beschließen die Verteidiger, ohne Beckenbauers Wissen, auf das bewährte System mit Libero umzustellen - und halten den Schaden damit noch in Grenzen. »Wenn ihr Wunderdinge erwartet, hättet ihr besser einen vom ,Circus Krone' holen sollen. Ein Zauberer bin ich nicht«, sagt Beckenbauer, der schließlich sechs Jahre im Amt bleibt und dem deutschen Fußball zum Abschluss mit dem Gewinn des WM-Titels einen magischen Moment beschert.