Wie deutsche Fans bei Europacup-Spielen Opfer von Polizeigewalt werden

Mehrere Monate im Hochsicherheitsgefängnis

Thomas Oberven*, damals 41 Jahre alt, begleitete die Frankfurter Eintracht am 2. November 2006 zum Auswärtsspiel bei Celta Vigo. Er spricht mit schneller Stimme, wenn er von seinem Trauma berichtet. Am Nachmittag vor dem Spiel kickten einige Fans in der Stadt einen Ball durch die Gegend, bis dieser in einer Laterne eingeklemmt hängenblieb.

Oberven erzählt: »Ich kletterte hoch, um den Ball zu holen, als mich ein Polizist der Guardia Civil von hinten an den Kopf schlug. Danach taumelte ich weg, die anderen Fans warfen Stühle. Einer traf den Polizisten.«

ETA-Typen, Dorgendealer, Waffenhändler

Mehrere Anhänger und der Frankfurter Fanbeauftragte bestätigten diese Version. Oberven lief in eine der umliegenden Kneipen, wurde aber nach eigenen Angaben vor dem Stadioneingang an seinem blutverschmierten Shirt wiedererkannt und festgenommen. Der Vorwurf lautete: Gewalt gegen Polizeibeamte. Im Gegensatz zu den Schalkern und Dortmundern blühte ihm allerdings kein Schnellverfahren, es kam schlimmer.

Er wurde in ein Hochsicherheitsgefängnis in den galizischen Bergen verlegt. »Dort waren alle möglichen Leute: ETA-Typen, Drogendealer, Waffenhändler. In einer Zelle tötete jemand seinen Mithäftling mit einem selbst geschnitzten Messer.«

Verhandlungsdauer: elf Minuten

Erst Mitte Dezember, anderthalb Monate nach dem Spiel, kam Oberven gegen eine Kautionszahlung frei. Oberven und seine Familie trieben das Geld zusammen, doch er durfte bis Ende Januar das Land nicht verlassen. Vor der Gerichtsverhandlung handelte seine Anwältin einen Deal aus. Statt der geforderten Gefängnisstrafe sollte er 5000 Euro bezahlen und ein Geständnis unterschreiben. »Die Verhandlung hat nur elf Minuten gedauert«, sagt er. So kehrte er vorbestraft nach Deutschland zurück. Dort wartete bereits ein fünfjähriges Stadionverbot vom DFB auf ihn.




Natürlich werden nicht bei jedem Spiel deutscher Vereine Fans verprügelt und eingesperrt. Wohl aber zeigen die Beispiele die Hilflosigkeit der Fans wie die Rücksichtslosigkeit von Polizei und Justiz in diesen extremen Situationen. Alle Fanbeauftragten vermissten die Unterstützung der deutschen Botschaften und des Konsulats. Und: Polizei, Vereine als Veranstalter oder Behörden mussten sich nie rechtfertigen.

Eine Untersuchung des polizeilichen Vorgehens blieb aus.

So verhält es sich auch beim gewaltsamen Vorgehen in Piräus. Sowohl das griechische Innenministerium als auch Olympiakos und die Polizeibehörde ließen mehrere Nachfragen von 11 FREUNDE unbeantwortet. Die UEFA reagierte per Mail: »Die UEFA hat kein Disziplinarverfahren gegen die Klubs eröffnet. Sie steht immer in Kontakt mit der lokalen Polizei, um sicherzustellen, dass jegliches Eingreifen die Verhältnismäßigkeit achtet. Wir werden dazu keine weiteren Kommentare abgeben.«

*Namen geändert

Diese Reportage erschien im November in unserer Ausgabe #168. Hier geht es zur Ausgabe.