Wie deutsche Fans bei Europacup-Spielen Opfer von Polizeigewalt werden

In Sevilla: Schläge auf eine Frau am Boden

2010 spielte Borussia Dortmund in Sevilla. Die Fans wollten in einem gemeinsamen, organisierten Marsch zum Stadion laufen. Matthias Kröner*, damals 24 Jahre alt, stand mitten im Pulk. Er kann sich noch heute genau an die Szenen von damals erinnern: »In den Augen der Polizisten liefen manche Fans zu langsam, also schlugen sie mit den Schlagstöcken auf sie ein. Eine Frau Mitte 40 stolperte und lag auf dem Boden, als ein Polizist auch auf sie eindrosch. Ich bin dazwischengegangen und habe ihn weggedrängt.« Dies sollte für ihn nicht ohne Folgen bleiben.

Im Stadion selbst setzte sich das aggressive Vorgehen der Polizei fort, zudem soll verletzten Fans die medizinische Versorgung verweigert worden sein. Der BVB-Fanbeauftragte Jens Volke war beim Anblick der Szenen fassungslos. »So etwas wie in Sevilla habe ich noch nie erlebt. Die Situation war völlig eskaliert. Einer der Polizisten rannte vollkommen grundlos mit geschwungenem Knüppel auf uns zu. Erst als wir unsere UEFA-Ausweise zeigten, ließ er von uns ab.«

Einige Dortmunder warfen Sitzschalen auf die Beamten. Auch Fans, die die Vorgänge filmten, gerieten in den Fokus der Polizei. »Sie machte gezielt Jagd auf Personen mit Handys oder Kameras in der Hand und zwang sie, sofort alles zu löschen«, sagte Volke damals.

»Do you know Himmler?«

Nach dem Spiel zog die Polizei an einer Engstelle einzelne Personen gezielt aus der Menge und stellte sie in Handschellen an einen Maschendrahtzaun. 15 Dortmunder wurden festgenommen, darunter auch Matthias Kröner. Er erinnert sich, dass einer der anderen Festgenommenen hinter den Block geführt worden sei, wo er von den Polizisten auf die Knie gezwungen, auf den Boden gedrückt und mehrmals von der Seite in den Unterleib getreten wurde. »Wir hörten seine Schreie, doch jedes Mal, wenn wir uns umdrehten, bekamen wir einen Schlag.«

Die Polizei nahm 15 Dortmunder Fans in Gewahrsam. Kröner sagt: »Auf dem Gang durch die dunklen Zellengänge fragte ich, wo es hingehe. Sie sagten: ,Do you know Himmler? You want to take some shower?‘« Der Pflichtverteidiger sprach weder deutsch noch englisch. Einen Richter oder Staatsanwalt haben die Fans nicht gesehen, die letzten Stunden verbrachten sie in einer Sammelzelle mit einem Loch im Boden als Toilette.

Erst nach 24 Stunden wurden sie nach einem Schnellverfahren freigelassen – ebenso wie die Schalker nach der Unterschrift unter ein für sie unverständliches Konvolut aus Papieren. »Die Seite, auf der wir unterschreiben sollten, war unbedruckt«, sagt Kröner. Die Fans standen vor der Wahl, ein Geständnis zu zeichnen – oder weiter im spanischen Gefängnis zu bleiben. 14 Fans wurden wegen Beamtennötigung zu 12 Monaten Freiheitsstrafe, ausgesetzt auf zwei Jahre zur Bewährung, verurteilt. Ein weiterer bekam vier Jahre Bewährung.

Unwürdige Haftbedingungen für Fans

Die Juristin Alexandra Schröder von der Ruhr-Universität Bochum hat sich in ihrer Dissertation »Polizeigewalt und Fußball im europäischen Kontext« mit dem Fall befasst. Auch spanische Anwälte und Strafrechtler bestätigten ihr, dass das Verfahren nicht rechtsstaatlich gewesen sei. Die Haftbedingungen seien unwürdig gewesen, den Beschuldigten wurde kein Grund für ihre Inhaftierung genannt und kein Dolmetscher zur Verfügung gestellt.

Das Strafurteil enthielt weder Stempel noch Unterschriften, dazu höchst zweifelhafte Zeitangaben und fast schon irrwitzige Behauptungen. So heißt es darin, die Verletzungen eines Polizisten durch einen Fan seien innerhalb von fünf Tagen verheilt. Das Urteil stammt vom ersten Tag nach den Vorfällen.

Behörden sperren sich gegen Anträge der Fans

Trotz allem lehnten deutsche Behörden die Anträge der Betroffenen ab, das spanische Urteil zu revidieren und die Vorstrafen aus dem Zentralregister zu löschen. Das hatte Folgen für die Fans: Kröner beispielsweise darf aufgrund der Vorstrafe nicht mehr in die USA einreisen und konnte sein Referendariat an einer Schule erst mit zweijähriger Verspätung antreten.

Dabei gab es zwei Gründe für die Fans, das Geständnis zu unterschreiben: Ihnen wurde im Gebäude zu verstehen gegeben, dass das Urteil nur in Spanien gelte. Außerdem hatten sie von einem Frankfurter Fan gehört, der monatelang in Haft bleiben musste.