Wie der Videobeweis die Stadionbesucher vergisst

Peinliche Ignoranz

Die ersten Monate des Videobeweises zeigen: Den Funktionären ist das Stadionpublikum völlig egal. Zeit, sich wichtigeren Dingen zuzuwenden. 

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Die Zuschauer in Wolfsburg waren beim Spiel gegen Hertha BSC außer sich. Zwei Tore für den VfL waren nach Sichtung der Videobilder aberkannt worden, also echauffierte sich das Stadion empört: »Ihr macht unseren Sport kaputt.« An den Fernsehschirmen daheim wirkte die Aufregung der Anhänger hingegen kurios, schließlich hatte die Videozentrale in Köln die Abseitsstellung Wolfsburger Spieler bei beiden Toren korrekt erkannt. Nicht verwunderlich also, dass die Sonntagspartie in Wolfsburg in den Tagen danach vielfach als exemplarisch für die Funktionsfähigkeit des VAR herangezogen wurde. Seht her, es klappt doch alles, das Spiel wird gerechter!

Es geht um etwas Grundsätzlicheres

Nun ließen sich zahlreiche relativierende Anmerkungen für derlei pauschales Lob anbringen. Etwa die, dass Abseitsentscheidungen wahrlich die leichteste Übung für die Videoanalyse sind, es aber in den letzten Wochen vor allem bei der Bewertung von Fouls und Handspielen berechtigten Ärger gab. Und der Hinweis, dass bislang nicht einmal die zuvor so gefeierten Kalibrierungslinien zur Bewertung von Abseits-situationen richtig funktionieren. Aber am Ende geht es in der Diskussion um den Videobeweis jedoch um etwas Grundsätzlicheres, nämlich die Frage, für wen das Spektakel in den Stadien überhaupt noch veranstaltet wird. Wie wichtig sind noch die Zuschauer in den Kurven, welche Bedeutung haben sie für die Entscheidungsträger im Profifußball?

Jubel mit angezogener Handbremse

Man konnte nämlich den Eindruck gewinnen, es habe sich in den Verbänden vor der Saison niemand auch nur ansatzweise damit beschäftigt, was die Einführung des Videoassistenten für das Publikum in den Stadien bedeutet. Nicht einmal aus bösem Willen, sondern aus purem und deprimierendem Desinteresse an den Anhängern vor Ort. Dabei war es ja absehbar, welche Kollateralschäden die Videoanalyse mit sich bringen würde. Etwa, dass inzwischen in vielen Stadien nur noch mit angezogener Handbremse gejubelt wird. Bringt ja schließlich nichts, sich zu früh richtig emotional zu verausgaben, vielleicht wird der Treffer ja noch annulliert. Ebenso erwartbar war, dass die Zuschauer es möglicherweise nicht erbaulich finden, dass sie minutenlang nichts weiter sehen als einen Referee, der mit den Fingern ein Viereck formt und anschließend mit den Spielern auf dem Rasen herumsteht, bis in der VAR-Zentrale in Köln endlich eine Entscheidung getroffen worden ist.