Wie der Videobeweis die Faszination des Stadionbesuchs zerstört

Euphoriebremse

Der Videobeweis soll mehr Gerechtigkeit bringen. Stattdessen raubt er dem Fußball die Emotionen. 

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Es ist ja alles immer eine Frage der Perspektive. Es gab also Leute, die sich darüber freuen konnten, dass vor ein paar Wochen im Freundschaftsspiel zwischen Frankreich und Spanien zwei Tore von Referee Felix Zwayer annulliert wurden, weil ein Analyst, der draußen in einem Auto saß, bei beiden Treffern Regelverstöße ausgemacht hatte. Prompt frohlockten viele über eine dringend notwendige Revolution im Fußball. Yehaa, endlich Gerechtigkeit, endlich keine regelwidrigen Tore mehr, die über Meisterschaften und Abstiege entscheiden. So kann man das sehen. Aber nur dann, wenn man bereit ist, für ein Jota mehr Gerechtigkeit das zu opfern, was den Fußball im Stadion so faszinierend macht.

Um das zu begreifen, musste man sich nur die Bilder aus Paris noch einmal anschauen. Eine Flanke, ein Kopfballtor, eine Jubeltraube, ein vor Freude explodierendes Stadion – und nach einer Minute, nachdem der Stadionsprecher bereits den Torschützen gefeiert hatte, die Nachricht von der Annullierung des Treffers. Zu früh gefreut. Der Videobeweis raubt so dem Fußball seinen emotionalsten, wildesten, ergreifendsten Moment, nämlich den Jubel nach dem Tor. Soll es in Zukunft wirklich so sein, dass wir nach einem Treffer immer erst bang zum Referee schauen müssen, ob der sich womöglich noch mal zweifelnd ans Ohr greift, weil er vom Kollegen draußen angefunkt wird, um dann nach endlosen 40 Sekunden endlich die Arme hochzureißen? Ein solcher Torjubel ist nur die groteske Karikatur jener Eruption, die sich nach einem Treffer entlädt.

Wir wünschen uns vor allem Gerechtigkeit für das eigene Team

Wem das Beispiel aus Paris nicht reicht, muss sich nur die Bilder aus der gestrigen Partie zwischen Kamerun und Chile anschauen. Zunächst wurde ein gegebener Treffer nach einer halben Ewigkeit aberkannt (obwohl selbst nach der achten Zeitlupen eine Abseitsposition des Chilenen Vargas nicht klar ersichtlich war), kurz vor Schluss wurde dann zunächst Abseits gepfiffen, eine halbe Minute später gab Schiedsrichter Damir Skomina den Treffer von Vargas dann doch. Vielleicht sollte man den Mann mal fragen, wie viel Spaß ihm das Toreschießen gestern gemacht hat.

Man kann dem Fußball natürlich auch seine letzten authentischen Emotionen austreiben wollen, für den frommen Wunsch, dass es im Fußball künftig sehr viel sportlicher, fairer, gerechter zugeht. Doch das wird nicht passieren, jedenfalls nicht durch den Videobeweis. Weil es im Fußball unzählige Situationen gibt, in denen auch Bilder in hochauflösender Superzeitlupe keine Klarheit bringen (siehe Chile gegen Kamerun). Und weil wir uns, wenn wir ehrlich sind, eigentlich nicht Gerechtigkeit im Allgemeinen wünschen, sondern nur Gerechtigkeit für den eigenen Klub, für das eigene Team. Was unschwer daran zu erkennen ist, dass in der Diskussion über den Videobeweis Schalker tränenreich an Markus Merks fatalen Pfiff in Hamburg 2001 erinnerten und Dortmunder an das nicht gegebene Tor aus dem DFB-Pokal-Finale 2014. Völlers Fallsucht im WM-Endspiel 1990 oder Neuers brutales Foul im WM-Finale 2014 an Argentiniens Higuain wurden eher selten erwähnt. 

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