Wie der Fußball den Dopingtrends hinterherläuft

Parallelgesellschaft

Russlands Nationalteam steht unter Dopingverdacht. Das bringt im Fußball doch nichts! Hat es eh nie gegeben! Wer die bekanntesten Fälle im Fußball und im Dopingsport Radfahren vergleicht, erkennt schnell Parallelen.

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Als Soldaten im 2. Weltkrieg an die Front zogen, wurde kurz vor der Schlacht noch eine letzte »Panzerschokolade« verteilt. Klingt süß? War es überhaupt nicht. Nur ein Kosename für die Arznei Pervitin, deren Inhaltsstoff vor allem Methamphetamin war. Methamphetamin, heute vor allem als Crystal Meth geläufig, unterdrückte Schmerz, Hunger und Müdigkeit. Und konnte die eigene Leistung um 25 Prozent anheben.

Zehn Jahre später war Pervitin vor allem im Radsport beliebt. Mehrfach mussten vollgepumpte Sportler bei Wettkämpfen in nahegelegene Krankenhäuser gebracht werden. Sie hatten den Schmerz nicht gespürt, waren weit über ihre Grenzen gegangen und am Ende einfach zusammengebrochen.

Nur Vitamin C in Spritzen

Eine Zeit, in der in Deutschland noch immer die Trümmer des Krieges weggeräumt wurden und das Wunder von Bern für neuen Mut und Nationalstolz sorgte. Dort war niemand zusammengebrochen. Niemand des Dopings verdächtigt worden. Der Historiker Erik Eggers, der 2013 die Studie »Doping in Deutschland« publizierte, fand dennoch Indizien, die für einen Pervitinmissbrauch während der Weltmeisterschaft 1954 sprachen. Mannschaftsarzt Dr. Franz Loogen hingegen hatte stets behauptet, er hätte den Spielern einzig Vitamin C gespritzt.

In den 60er-Jahren führte der Missbrauch von Amphetaminen erstmals nachweislich zu Todesfällen. 1967 starb der britische Radrennfahrer Tom Simpson während der Tour de France an einem Herzstillstand. Im Körper wurden Alkohol und Amphetamine nachgewiesen.

Alles nur Zufall?

Ein Jahr später verstarb der Fußballer Jean-Louis Quadri in Grenoble. Der 18-Jährige kollabierte auf dem Platz, auch ihm wurden Amphetamine im Körper nachgewiesen.

Alles nur Zufall? Eher der Beginn des systematischen Dopings.

»Vor der Praxis standen in Serie acht bis zehn Radsportler, die sich montags auf der Trainingstour die Spritze abholten“, erinnerte sich Dr. Gustav Haken, Arzt des Radsportverbandes NRW an die 70er-Jahre, »intensiv wurden in dieser Zeit Anabolika benutzt. In der Vorbereitung gab dann drei bis vier Depotspritzen Decadurabolin (kurz Deca, ein Medikamentenname von Nandrolon, d. Red.). Die Ampullen kamen aus der sportmedizinischen Region Freiburg.«

1000 Tabletten für den Sieg

In Freiburg regierten die Sportmediziner Joseph Keul und Armin Klümper. Wie der Dopingexperte Andreas Singler 2015 beschrieb, bestellten zur gleichen Zeit der VfB Stuttgart und SC Freiburg massenweise Anabolika über diese Ärzte und Strohmänner. Für eine Trainingsreise in die USA bestellt der VfB 600 Tabletten des Anabolikum Megagrisevit. Aus dem Wintertrainingslager stammt eine zweite Rechnung über 400 Tabletten. Genug für 20 Spieler in zwei Wochen, wie das Recherchebüro Correctiv in einer Zusammenfassung schrieb.