Wie der erste indische Fußballer in Europa eine Celtic-Legende wurde

Zehn glitzernde Zehen

Der Inder Mohammed Salim gilt als Celtic-Legende. Dabei machte er kein einziges Pflichtspiel für die Schotten. Wer war der Mann?

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Indien wird das nächste große Ding. Das jedenfalls prophezeien Fußballfunktionäre seit vielen Jahren, und wer am 16. Mai 2008 das Yuba Bharati Krirangan Stadion in Kalkutta besuchte, konnten ihnen nur beipflichten.

Oliver Kahn feierte dort an jenem Tag vor 120.000 Zuschauern seinen Abschied und war nach dem Spiel Mohun Bagan AC gegen den FC Bayern völlig aus dem Häuschen. »Danke für diesen großen Moment meiner Karriere! Danke für diesen großartigen Abend!«, stammelte der Torhüter ergriffen in die Mikrofone.
 
In den Jahren danach arbeiteten die indischen Fußballfunktionäre an der Gründung einer Indian Super League. Als es 2013 schließlich so weit war, kamen Fußballrentner wie Nicolas Anelka, Marco Materazzi, Freddie Ljungberg, Roberto Carlos oder Alessandro Del Piero nach Chennai, Goa, Delhi oder Mumbai.

Sie sollten den Indern das Fußballspielen beibringen. In der Hoffnung, dass diese eines Tages nach Europa aufbrechen, wie es in über 100 Jahren zuvor gerade mal eine Handvoll Inder getan hatten.

»Fußball kann Grenzen einreißen«
 
Die vielleicht größte Fußballgeschichte Indiens erzählt von einem Spieler, der bereits vor dem Zweiten Weltkrieg nach Europa kam, dort bei Celtic Glasgow anheuerte – aber kein einziges Spiel bestritt. Jahrzehnte später schrieb der Journalist und Historiker Boria Majumdar in einem Beitrag für das »International Journal of the History of Sport«: »Diese Geschichte zeigt, wie der Fußball Grenzen einreißen konnte.« Sie beginnt Anfang des 20. Jahrhunderts in Kalkutta.
 
Es war eine Zeit, in der indische Nationalisten gegen die Briten aufbegehrten. Einige Inder übernahmen nicht nur Traditionen, sondern auch die Sportarten der Besatzer. Neben Cricket spielten sie vor allem Fußball gegen die Briten. Sie wollten damit das Vorurteil widerlegen, dass sie zu schwach seien, sich selbst zu regieren. So jedenfalls lautet die gängige Geschichtsschreibung,  
 
In dieser Zeit wuchs Mohammed Salim auf. Er wohnte mit seiner Familie in Metiaburuz, es war kein Slum, aber ein Viertel, in dem vornehmlich die untere Mittelklasse lebte. In den Fußball verliebte er sich an dem Tag, als der Kalkutta-Klub Mohun Bagans 1911 die britische Elf des East Yorkshire Regiment im IFA-Shield-Finale besiegte. Es war das erste Mal, dass eine indische Mannschaft diesen Cup gewann.
 
Salim spielte in den folgenden Jahren für lokale Vereine wie Chittaranjan Football Club oder East Bengal Club. Mit Mohammedan Sporting Club gewann er bis zum Ende seiner Karriere fünf regionale Meisterschaften. Die vielleicht wichtigste Partie machte er aber Anfang 1936: ein Freundschaftsspiel gegen eine chinesische Olympia-Auswahl.
 
Bei dem Spiel gegen war sein Cousin Hasheem aus England zu Gast, der so begeistert von Mohammeds Spiel war, dass er ihn überzeugte, mit ihm nach Europa zu kommen. Mohammed sollte Fußballprofi werden. 14.000 Kilometer entfernt von seiner Heimat.

»Kannst du mit diesen Spielern mithalten?«
 
Wenige Tage später, kurz vor einem zweiten Freundschaftsländerspiel, gab die Polizei eine Suchmeldung raus. Mohammed Salim, der wichtigste Stürmer des indischen Teams, wurde vermisst. Aber es war zu spät. Die beiden Cousins befanden sich schon auf dem Schiff, das sie über Kairo nach London und Glasgow bringen sollte.
 
Als sie das erste Mal den Celtic Park besuchten, war Mohammed überrascht, dass sämtliche Celtic-Spieler Profis waren. »Kannst du mit diesen Spielern mithalten?«, fragte Hasheem seinen Cousin, und der antwortete: »Klar, warum nicht?«