Wie der DFB mit den Problemen in Russland umgeht

Keine politisch Gefangenen gesehen

Der DFB zum Beispiel duldet laut seinem Ethik-Kodex »keine Diskriminierungen, Belästigungen oder Beleidigungen, sei es aufgrund von Geschlecht, ethnischer Herkunft, Hautfarbe, Religion, Alter, Behinderung oder sexueller Orientierung«. Und in Artikel 3 der Fifa-Statuten heißt es: »Die Fifa bekennt sich zur Einhaltung aller international anerkannten Menschenrechte und setzt sich für den Schutz dieser Rechte ein.« Aber wie passt das dazu, dass beim Bau der WM-Stadien Arbeitssklaven aus Nordkorea eingesetzt wurden? Dass 21 Menschen auf den Baustellen ums Leben gekommen sind? Wenn Menschenrechtsorganisationen darüber klagen, entgegnet die Fifa: Wir sprechen das an, aber nicht öffentlich. Nur: Wer will das überprüfen? »Es ändert sich nur etwas, wenn über die Medien Druck ausgeübt wirdq, sagt Michalski. Reinhard Grindel weiß sehr wohl, dass der Sport politisch ist - schon weil ihm das Amt als DFB-Präsident mehr politische Macht beschert hat, als er sie als Hinterbänkler der CDU im Bundestag je besessen hat.

Treffen mit Menschenrechtsorganisationen

Niemand wird bestreiten, dass der Verband sich in den vergangenen 15 Jahren für gesellschaftspolitische Themen geöffnet hat und diese Themen unter Grindel wieder an Bedeutung gewonnen haben. Beim Confed-Cup vor einem Jahr zählte der DFB-Vielfaltsbotschafter Thomas Hitzlsperger zur deutschen Delegation, ein ehemaliger Nationalspieler, der sich nach seiner Karriere als schwul geoutet hat. Der Verband sagt, dass er sich auf kein Turnier so intensiv vorbereitet habe wie auf die WM in Russland. Schon zum Confed-Cup vor einem Jahr gab es mehrere Treffen mit Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch oder Amnesty International, mit Reporter ohne Grenzen und Brot für die Welt. Die Mitglieder der DFB-Delegation in Russland haben ausführliche schriftliche Informationen erhalten, die mit der Deutschen Botschaft in Moskau, Amnesty International und der Konrad-Adenauer-Stiftung erarbeitet worden sind. Zudem wurden laut DFB alle Mitarbeiter, die zur WM reisen, durch das Auswärtige Amt und Amnesty International gebrieft.

Es ist kein Vergleich zum Verhalten des Verbandes vor 40 Jahren, als die WM in Argentinien ausgetragen wurde. Das Land wurde damals von einer Militärjunta regiert, die zwischen 1976 und 1983 rund 30 000 Menschen ermorden ließ. Regimegegner wurden willkürlich verhaftet, gefoltert, Häftlinge betäubt und anschließend aus Flugzeugen über dem Rio de la Plata oder dem offenen Meer abgeworfen.

Kein Vergleich zu 1978

Der Deutsche Fußball-Bund wollte davon nichts wissen. »Man sollte versuchen, den Sport so unpolitisch wie möglich zu halten«, sagte Bundestrainer Helmut Schön. »Die politischen Zustände in Argentinien interessieren mich überhaupt nicht«, sagte Stürmer Klaus Fischer. »Argentinien ist ein Land, in dem Ordnung herrscht«, sagte Berti Vogts, der Kapitän der Nationalmannschaft. »Ich habe keinen politischen Gefangenen gesehen.« Und Hermann Neuberger hob sogar die Vorteile hervor, die der Putsch für die WM gebracht habe: »Wir jedenfalls haben dadurch Partner mit Durchsetzungsvermögen bekommen, die auch über die notwendigen Mittel verfügen.« Neuberger war nicht nur 17 Jahre lang, bis zu seinem Tod 1992, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, er war auch Organisationschef der WM 1978. Beim Bankett nach dem Finale saß er neben Argentiniens Staatschef Jorge Rafael Videla, prostete ihm freundlich mit Champagner zu und erklärte in seiner Ansprache, das Bild, das vor dem Turnier von Argentinien gezeichnet worden sei, habe sich doch als verzerrt erwiesen.