Wie der DFB mit den Problemen in Russland umgeht

Warum der 27. September so wichtig für den DFB ist

Über das Land, in dem ab kommender Woche die Weltmeisterschaft stattfindet, sagt Michalski: »Die Opposition wird klein gehalten und zum Teil bedroht. Die Medien sind weitgehend gleichgeschaltet, kritischer Journalismus wird verfolgt, Journalisten werden körperlich bedroht, geschlagen, ermordet. Es gibt politische Morde. Die Rechte der Schwulen und Lesben werden angegriffen. Es herrscht ein allgemeiner Mangel an Demokratie und Liberalität.« Die Arbeit von Menschenrechtsorganisationen gestaltet sich in Putins Reich zunehmend schwieriger. 76 Nicht-Regierungsorganisationen (NGO) gelten in Russland als ausländische Agenten, schreibt Human Rights Watch in seinem WM-Leitfaden.

Das Ziel: 27. September

Reinhard Grindel sitzt in der russischen Botschaft mit dem Botschafter und dem Generaldirektor des WM-OKs auf der Bühne. Der DFB-Präsident hat die Eigenheit, dass er unwillkürlich seine Lippen schürt und spitzt. Es wirkt fast wie bei einem Torhüter, der im Spiel nichts zu tun bekommt, der deshalb auf und ab hüpft, sich streckt und dehnt. Es sieht so aus, als dehnte Grindel seine Lippen, weil er nicht das aussprechen kann, was er eigentlich sagen müsste.

»Ich würde mir vom DFB schon wünschen, dass er etwas fordernder auftritt, der prekären Menschenrechtssituation in Russland angemessen«, sagt Wenzel Michalski. »Aber er verhält sich da sehr vorsichtig. Er ist vor allem interessiert, Negativschlagzeilen zu verhindern.« Für den Verband geht es diesmal nicht nur um die Titelverteidigung, es geht auch darum, 2024 die Europameisterschaft ausrichten zu dürfen. Am 27. September wird die Uefa entscheiden, ob Deutschland den Zuschlag bekommt. Reinhard Grindel hat schon Anfang des Jahres gesagt, dass der 27. September für den deutschen Fußball wichtiger sei als der 15. Juli - der Tag, an dem in Moskau das WM-Finale ist.

Sport als Prestigeobjekt

In der deutschen Öffentlichkeit gilt die Angelegenheit als Formsache. Einziger Konkurrent ist die Türkei, das Land des Autokraten Erdogan, in dem seit dem gescheiterten Putsch im Juli 2016 Zehntausende verhaftet und suspendiert wurden, in dem die Grundrechte dauerhaft eingeschränkt sind und Journalisten im Gefängnis landen, weil sie einfach nur die Arbeit von Journalisten machen. Doch als ob das die Funktionäre der großen Sportverbände je irritiert hätte. Seit 2008 fanden Olympische Spiele in China und Russland statt, wurden die Fußball-Weltmeisterschaften nach Russland und Katar vergeben, die Europaspiele nach Aserbaidschan und Weißrussland.

Sportliche Großveranstaltungen sind Prestigeobjekte für autoritäre Regime, weil die Machthaber zeigen können, »wie geil wir das organisieren und welche Riesenshow wir abziehen können«, sagt Wenzel Michalski von Human Rights Watch. Entsprechend biegbar geben sich diese Staaten, wenn es darum geht, die Anforderungen der Verbände zu erfüllen. Steuerbefreiung für die Uefa? Kein Problem!

Sätze mit Leben füllen

Der DFB bewegt sich auf rutschigem Geläuf. Einerseits will er - gerade nach dem Desaster mit der WM 2006 - eine transparente Bewerbung vorlegen; andererseits kommt es bei den Sportfunktionären, die über die EM-Vergabe entscheiden, nicht besonders gut an, wenn man sich als überlegene moralische Instanz positioniert. »Die Leute vom DFB haben schon verstanden, was in Russland schiefläuft«, sagt Michalski. »Aber die Angst davor, Stimmen zu verlieren und für die politische Geradlinigkeit bestraft zu werden, ist groß.«

Bei seinem Auftritt in der russischen Botschaft in Berlin sagt Reinhard Grindel: »Es ist nicht die Aufgabe des DFB-Präsidenten, mit erhobenem Zeigefinger durch die russische Botschaft zu gehen.« Das Publikum klatscht.

Wenzel Michalski verlangt nicht von den Spielern, »dass sie mit Regenbogenfahnen auf den Platz laufen«. Human Rights Watch rufe auch nicht zum Boykott des Turniers auf. »Das geht immer nach hinten los, weil die Boykottierten damit in eine Märtyrerrolle gerückt werden.« HRW will nur, dass die Verbände die schönen Sätze, die sie sich in ihre Satzungen schreiben, auch mit Leben füllen. »Da hapert's«, sagt Michalski.