Wie der deutsche Fußball seine jüdische Vergangenheit vergaß

Wie sich das Bewusstsein gewandelt hat

Erst ab Mitte der 1990er-Jahre setzte im deutschen Fußball ein schrittweiser Bewusstseinswandel ein. Angestoßen durch die Initiative einzelner Vereinsmitglieder und Fans sowie durch die Forschungen von Autoren und Journalisten haben immer mehr Vereine und auch der DFB ihre gesellschaftlich-historische Verantwortung erkannt und begonnen, sich kritisch mit ihren Rollen zwischen 1933 und 1945 auseinanderzusetzen.

Nachdem der DFB 2001 eine unabhängige Studie zu seiner Verbandsgeschichte in Auftrag gegeben hatte, legte Borussia Dortmund 2002 als erster Lizenzverein eine Aufarbeitung seiner Geschichte im Nationalsozialismus vor. Weitere Studien über Schalke 04, den 1. FC Kaiserslautern, Eintracht Frankfurt und den Hamburger SV folgten bis 2007. Inzwischen sind auch zur Historie des TSV 1860 München, von Hertha BSC, des FC St. Pauli und des FC Bayern in dieser Zeit Bücher veröffentlicht worden. Insbesondere der Göttinger Verlag »Die Werkstatt« beteiligte sich mit einer ganzen Reihe von Büchern an der historisch-publizistischen Erschließung dieses Kapitels der deutschen Fußballgeschichte, das in der akademischen Geschichtsforschung lange nahezu keine Rolle spielte.

Zeichen des Gedenkens

Stattdessen hat vor allem das Engagement zahlreicher Fangruppen, also klassisches bürgerschaftliches Engagement »von unten«, dazu beigetragen, der lange Zeit verdrängten oder verschütteten Erinnerung an die ehemaligen jüdischen Mitglieder wieder einen Platz im historischen Bewusstsein der Vereine zu geben. 2010 nahm der Hamburger SV durch einen Beschluss seiner Mitgliederversammlung den Ausschluss seiner jüdischen Mitglieder offiziell zurück. Der 1. FC Nürnberg ernannte Anfang 2013 seinen ehemaligen Trainer Jenö Konrad posthum zum Ehrenmitglied, nachdem seine Fans mit einer eindrucksvollen Stadionchoreografie an ihn erinnert hatten. Die Initiative des Mainzer Fanklub-Dachverbandes »Supporters Mainz« führte dazu, dass die Straße zum neuen Stadion des Bundesligisten nach Eugen Salomon benannt wurde, dem jüdischen Vorsitzenden des Vereins bis 1933, der im KZ Auschwitz-Birkenau ermordet wurde.

Zeichen des Gedenkens setzt auch der DFB, der in Erinnerung an den jüdische Nationalspieler seit 2005 jährlich den Julius Hirsch Preis an Initiativen für Toleranz und Menschlichkeit im Fußball verleiht und mit seiner Kulturstiftung seit 2007 gezielt entsprechende Maßnahmen durchführt und fördert. Dazu gehört zum Beispiel seit 2008 die jährliche Reise der U18-Nationalmannschaft des DFB in die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel.

»Nie wieder«

Es gibt aber noch andere ermutigende Signale einer neuen Erinnerungskultur im deutschen und europäischen Fußball. So besuchte eine Abordnung von Manchester United um Trainer Alex Ferguson im Sommer 2009 die KZ-Gedenkstätte Dachau. Vor und während der EM 2012 gedachten die Nationalteams von Italien, Deutschland, England und der Niederlande den Opfern des Nationalsozialismus in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Bereits seit 2005 begehen viele Fans und Vereine in Deutschland den »Erinnerungstag im deutschen Fußball« auf Initiative des ehrenamtlichen Bündnisses »Nie wieder« jedes Jahr rund um den internationalen Holocaust-Gedenktag am 27. Januar.

Das alles sind, fast siebzig Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland, ermutigende Beispiele eines Bewusstseinswandels im Fußball. Trotz dieser positiven Entwicklungen bleibt auf dem Weg der Wiederentdeckung der jüdischen Wurzeln des deutschen Fußballs aber noch viel zu tun.