Wie der deutsche Fußball seine jüdische Vergangenheit vergaß

Wo jüdische Fußballer Zuflucht suchten

Während es im Umgang mit jüdischen Mitgliedern ohne Ämter in den ersten Jahren noch Spielräume gab, wurden sie aus Führungspositionen sehr schnell verdrängt. Am 19. April 1933 veröffentlichten der DFB und die Deutsche Sportbehörde (der heutige Deutsche Leichtathletikverband) eine Mitteilung, dass »Angehörige der jüdischen Rasse […] in führenden Stellungen der Landesverbände und Vereine« nicht mehr tragbar seien. Sie wurden dazu aufgefordert, entsprechende Maßnahmen zu veranlassen. Mit dieser Anordnung kam auch im DFB und seinen Vereinen ein reichsweiter Arisierungsprozess in Gang, der viele bisherige Förderer, Initiatoren und Stützen des deutschen Fußballs von einem auf den anderen Tag entfernte.

»Staatsbejahende Volksgenossen«

Eine generelle Anordnung der DFB-Führung, alle jüdischen Mitglieder aus den Vereinen auszuschließen, ist nicht bekannt. Allerdings gab es regionale Initiativen. Im Westdeutschen Spielverband wurden jüdische Fußballspieler im Mai 1933 ausgeschlossen. Dort verkündete der neue Verbandsführer, der SS-Mann Josef Klein, dass ab sofort »nur Deutschstämmige« an den Meisterschaftsspielen des Verbandes teilnehmen dürften. DFB-Präsident Felix Linnemann machte im Februar 1934 deutlich, was er in dieser Frage von seinen Vereinen erwartete. In einem Beitrag für das »Reichssportblatt« bezeichnete er es als eine der wichtigsten Aufgaben des Verbandes, »seine Mitglieder zu staatsbejahenden, einsatzbereiten Volksgenossen des nationalsozialistischen Staates heranzubilden«.

Wer im NS-Staat »Volksgenosse« sein konnte, wurde von den Nazis rassistisch und politisch definiert: Rassistisch hieß, dass nur »gesunde« Angehörige der »arischen Rasse« Mitglieder der zukünftigen Volksgemeinschaft sein konnten, also keine Juden, Sinti und Roma, keine Homosexuellen und Behinderten. Ebenfalls keine »Volksgenossen« waren politische Gegner des Regimes, vor allem Sozialdemokraten und Kommunisten. Bereits einige Monate zuvor hatte Linnemann den Entwurf einer neuen Mustersatzung für die DFB-Vereine vorgestellt, in die eine Abfrage zur Religionszugehörigkeit der Mitglieder eingefügt und durch folgenden Kommentar ergänzt worden war: »Die Frage nach der Religion ist so auszubauen, daß die Abstammung rassenmäßig überprüft werden kann.«

Der letzte Zufluchtsort

Wie viele jüdische Fußballer in diesen Monaten aus den Vereinen ausgeschlossen wurden, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Es müssen jedoch Tausende gewesen sein, da die jüdischen Sportvereine seit dem Frühjahr 1933 einen wahren Mitgliederansturm erlebten. Die wenigen zu diesem Zeitpunkt existierenden jüdischen Klubs vervielfachten innerhalb weniger Monate ihre Mitgliederzahlen, in vielen Städten und Gemeinden entstanden neue Gruppen. Jüdische Sportvereine wurden zum letzten Zufluchtsort für fußballbegeisterte Juden.